Argentinien in der Pandemie

  • Beitrags-Autor:

Tausche Kinderjäckchen gegen einen Liter Milch“
von Luis Pereira

Die Situation in Buenos Aires ist schlimm. Hunger, Armut, Drogen, Kriminalität, Arbeitslosigkeit gepaart mit Covid und der langen Ausgangssperre wurden zu einer Molotovbombe. Ohne Arbeit, ohne Hilfe.

Die Misere hat ihren Ursprung aber nicht in der Pandemie. Seit über 14/15 Jahre verteilt die Regierung des Kirchnerismo Sozialpläne, ohne Arbeitsplätze zu schaffen. Derzeit sind 20 Millionen Menschen unter der Armutsgrenze bei einer Bevölkerung von 45 Millionen. Die aktuelle Arbeitslosigkeit liegt bei 42% bis 45%. 4 Millionen Menschen sind Indigentes. Sie leiden akuten Hunger. Villas miserias, unsere Armenviertel, vermehren sich seit 1983 unkontrolliert.

Covid ist gefährlich wegen der mangelhaften Umstände. Man lebt dicht aufeinander, ohne fließendes Wasser oder Kanalisation, ohne Ausbildung und Aufklärung, mit geringer Hygiene und medizinischer Versorgung.

Aber Vorsicht, man muss unterscheiden zwischen Buenos Aires Stadt und dem um Buenos Aires liegenden Ring „Conurbano“.

Der Metropole wird es immer besser gehen als dem Rest des Landes, seit bereits 200 Jahren ist das so wegen ihres Sonderstatus und dem Hafen. Dennoch bricht auch hier die Mittelschicht weg.

Das Pandemiemanagement ist unverantwortlich. Zu Beginn der Pandemie hat die Regierung dem gesamten Land Ausgangssperre verhängt, im Conurbano für 7, fast 8 Monate. Ein Chaos. Man durfte außer zum Lebensmittelkauf nicht raus. Spazierengehen war verboten. Die Polizei kontrollierte alles. Das Volk stürzte in tiefe Armut und Krankheit. Arztbesuche waren nur erlaubt mit Sondergenehmigung, Busfahren verboten.

Das Militär teilte zwar Essen aus, aber Strom, Wasser, Gas und Mieten liefen weiter. Familien verschuldeten sich hoffnungslos. Dann rief die Regierung zur absurden Massenveranstaltung auf, der Totenwache für Maradona. Eine Farce.

Im Conurbano, speziell im Süden, lebt die Armut. Arbeiter fahren täglich in die Stadt und kehren abends zurück in einfache Verhältnisse.

Es wurden während der Pandemie alle Provinzgrenzen geschlossen, auch die zur Stadt. Tausende verloren Arbeit und Lebenserhalt.

Seit 16 Monaten haben Kinder keinen Unterricht. Die wenigsten haben Internet. Viele Eltern nahmen ihre Kinder von der Schule, um Kosten zu sparen.

Die Lebensmittelpreise steigen seit 15 Jahren ständig. 2003 konnte ich Asado-Fleisch für 3,99 Pesos kaufen, 2020 für 400, heute kostet es 1050.- Pesos. Mit der Pandemie explodiert alles.  

Menschen kaufen weder Markenprodukte noch Discount. Sie sparen, wo es geht. Man ernährt sich schlecht. Viele Kinder bekommen höchstens einmal am Tag zu Essen. Wir stehen nun 2021 wieder da wie einst, als die entsetzliche Militärdiktatur zu Ende war und die Demokratie unter Dr. Raúl Alfonsin begann. 1983 bis 1985 tauschten Menschen alles, sogar Elektrogeräte, um an Essen zu kommen. Wie heute. Wir sprechen von einfachen Nahrungsmitteln wie Mehl, Öl, Milch, Brot.     

Argentinien hat unterschiedliche Wechselkurse: den moderaten offiziellen Kurs, den explodierenden Schwarzmarkt Preis „Dollar Blue“, Händlerwechselkurse etc. Der „Dollar blue“ stand im März 2020 auf 60 Pesos, nun liegt er bei 180.   

Innerhalb dieser dramatischen Situation befinden sich auch die Menschen, die vom Tango leben. Um ihre Situation zu begreifen, muss man genau hinschauen. Korruption bleibt auch hier nicht außen vor. Einem Touristen das Zehnfache abzuknöpfen, was ein Ticket oder eine Stunde kosten, ist kein sauberes Geschäft. Es ist nicht fair.

Manche Tangohäuser und Milongas funktionieren nicht transparent. Es ist schwer, die Wahrheit aufzudecken. Aber gerne erzähle ich darüber, was ich kenne. Seit Beginn der Pandemie hat die Regierung beschlossen, alle Veranstaltungen zu schließen, auch Milongas und Tangohäuser. Alle „Profis“ verloren ihre Arbeit. Die ersten 3 Monate konnte man Staatshilfe erhalten. Tangohausbesitzer zahlten zudem für 6-9 Monate das Gehalt weiter. Aber das ist vorbei. Gehalt ist von je her gering, zum Sparen reichte es nie. Der größte Teil der 200,- US Dollar, die ein Tourist bezahlt, sind Schmiergelder für Touristenführer, Taxifahrer, Hotelconcierge, Busunternehmen etc. Nur ein geringer Teil geht an den Künstler, der das letzte Glied in der Kette der Zahlungen ist. Das Tangogeschäft ist eine Maffia.

Es gibt viele Milongas. Offizielle, die Steuern zahlen, und inoffizielle, „clandestinas“, die geheim in Privatwohnungen veranstalten und weder Steuern zahlen noch extra Kosten tragen. Aber die offiziellen haben die monatelange Last der Mieten, Steuern und Nebenkosten. Sie können kaum durchhalten und schließen. Es gab nie Staatshilfen, soweit ich weiss.

Die Zukunft sieht schwarz aus. Auch wenn die Regierung Veranstaltungen zulassen würde, gäbe es kein ausreichendes Einkommen. Der Markt basiert auf internationalem Tourismus. Touristen können wegen der Grenzschließung seit 17.03.2020 aber nicht einreisen. Starke Devisen fehlen im gesamten Land.

Die Situation der Tangolehrer ist dramatisch. Einige Argentinier nehmen vielleicht Unterricht, doch dieses Geld reicht nicht. Wer zum Ausland Kontakt hat, kann um Spenden bitten, per Zoom Unterricht geben. Aber wie lange funktioniert das Überleben? Ohne Arbeit?

Alle Regierungen der letzten Jahre sind ein Scheitern. Das Land geht „cuesta abajo“, bergab, wie der Tangotitel sagt. Die Pandemie macht alles sichtbar und schlimmer.

Grausam kriminell sind zudem ideologische Entscheidungen, aus Verbundenheit zu China und Russland nur kommunistische Impfstoffe zuzulassen. Erst jetzt, nach über 100.000 Toten akzeptiert die Regierung andere Impfstoffe wie Pfizer und Moderna. Jeden Tag ähneln wir Venezuela mehr.

Nicole und ich versuchen zu helfen. Seit Jahren bringen wir Essen in die Kirche, verteilen Jobs an Arme. Aber es sind stets weniger Menschen, die helfen können, und mehr, die Hilfe benötigen. Es sorgt mich sehr.

Autor

Luis Benjamin Pereyra

Geboren 09.07.1965

Tänzer & Choreograph

Wohnhaft in Buenos Aires, Argentina