Agentinien: Das Gewicht lastet schwer und die Beine wanken

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Sie sind einiges gewohnt, die Menschen in Argentinien: Verfolgung, Verschleppung, Mord, Wirtschaftskrisen, Verfall. Aber sie haben sich nie unterkriegen lassen. Sind immer wieder aufgestanden und haben weitergemacht. Es sind wahre Lebenskünstler.
Dieses Mal aber scheint es anders zu sein.

Das Gewicht auf ihren Schultern lastet schwer durch Corona- und Wirtschaftskrise und drückt von Tag zu Tag mehr. Die Beine wanken. Angst macht sich breit, denn ein Ende ist nicht in sich.
Es gibt keine Möglichkeit, Geld zu verdienen. Schon jetzt haben die meisten kein Geld. Staatliche Unterstützung gibt es so gut wie keine und wenn, sind es die Älteren, die ein wenig Zuschuss erhalten, der aber zum Leben vorne und hinten nicht reicht.
Die Lebensmittelpreise sind nach der Inflation weiterhin ins Unbezahlbare gestiegen.
Ein Kilo Rindfleisch kostet so viel wie ein halber Monatslohn. Die Abermillionen von Rindern auf argentinischen Boden sind nicht für die eigene Bevölkerung bestimmt.
Und was ist nach der Coronakrise? Es wird keine Arbeit geben, weil die Arbeitgeber selber pleite sind. Und Touristen, wenn die überhaupt kommen sollten, werden sorgsam mit dem Geldausgeben sein.
Erst letztes Jahr hat ein Tangolehrer den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt und ein eigenes Tanzstudio eröffnet. Seine Workshops waren fast immer ausgebucht und die Milonga gut besucht.
Im Juni musste er ausziehen. Auch seine Wohnung konnte er nicht mehr bezahlen. Er wohnt wieder bei seiner Mutter.
Die versorgt sich und ihn mit Lebensmitteln, die sie nicht kauft, sondern von der Suppenküche erhält. Der Sohn geht dort nicht hin. Zu groß sein Stolz. Zu mächtig die Schmach von anderen gesehen zu werden. 

Während in Deutschland die Lockerungen immer großzügiger ausfallen, verschärften sich in Buenos Aires, wo ein Drittel aller Argentinier leben, die Maßnahmen. Nur noch 24 Berufe dürfen ausgeübt werden. Der Rest muss zu Hause bleiben.
Daran hält sich aber kaum jemand. In den ca 1500 Armenvierteln, „Villas“ genannt, die rund um BsAs angesiedelt sind, hält es niemand in der Enge aus. Hier ist die Infektionsrate am höchsten und wird von hieraus in die Stadt getragen. Denn alle versuchen Arbeit zu finden oder Essen. Oder sie rauben andere aus. Die Kriminalität ist ein wachsendes Problem. Hunger verändert den Menschen. So auch eine befreundete Tanguera. Sie hält sich mit gelegentlicher Prostitution über Wasser.

Der Tangolehrer, der seine Existenz, seine Freude, seinen Tango verloren hat, begleitet seine Mutter bei der täglichen Essensbeschaffung. Seine Angst ist zu groß, dass er auch sie bei einem Überfall verlieren könnte.