Ein Lobgesang auf unsere Bakterien.

Christian

Ohne sie würden wir nicht einmal einen Spaziergang überleben.

Und Schande über die Industrie, die aus reiner Raffgier

uns Produkte verkaufen möchte, die Bakterien im häuslichen Umfeld abtöten.

Es scheint unvorstellbar, aber jeder Mensch beherbergt tatsächlich ca. zwei Kilogramm Bakterien. Die meisten sind für uns ausgesprochen nützlich.

Ohne diese Mitbewohner könnten wir nicht überleben.

Vor allem Haut, Mund, Magen, Darm und die Vagina sind von Bakterien besiedelt.

Das sind Körperbereiche, die Kontakt zur Außenwelt haben. Sie schützen unseren Körper u. a. vor krankmachenden Keimen.

Bildquelle: https://www.ratgeber-darmgesundheit.de/darmflora-aufbauen/

Die Zusammensetzung der Bakterien variiert von Mensch zu Mensch. Sie wird beeinflusst vom Kontakt zu anderen Menschen und zu Tieren, von Nahrungsmitteln, vom Klima und von der Umwelt.

Daneben existieren in der Normalflora auch Bakterien, die zwar keinen Nutzen haben, aber auch bei normaler Immunlage nicht schaden, die sogenannten Kommensalen ( im Gegensatz zu einem Parasiten ist ein Kommosale ein Lebewesen, das sich von den Nahrungsrückständen eines Wirtsorganismus ernährt, ohne ihn zu schädigen).

Bei einer vorliegenden Immunschwäche können manche dieser Bakterien allerdings überhand nehmen und Infektionen verursachen. Auch können Bakterien, die aus ihrem angestammten Körperbereich in andere Körperareale verschleppt werden, dort Milieustörungen und sogar Krankheiten hervorrufen.

Auf der Haut schützen Billionen Bakterien gegen Mikroorganismen von außen. Die physiologische Mundflora hält die Mundschleimhaut gesund und schützt die Zähne vor Karies. Die Milchsäurebakterien in der Vagina halten Chlamydien und Pilzinfektionen in Schach.

Das Gros der Bakterien, nämlich neunundneunzig Prozent, leben im Darm.

Sie wehren schädliche Keime ab und sind wichtige Helfer beim Verdauungsprozess und bei Stoffwechsel. Sie helfen bei der Verwertung von Nahrungsbestandteilen, regen die Darmbewegungen an und zudem produzieren sie das für die Blutgerinnung so wichtige Vitamin K. Auch tragen sie zum reibungslosen Funktionieren des Immunsystems bei, 80 % des Immunsystems befindet sich im Darm, und sind an der Biosynthese von Biotin beteiligt. Milchsäurebakterien ermöglichen den Energiestoffwechsel und zudem beeinflusst Darmbakterien die Produktion lebenswichtiger Hormone. Alle Bakterien zusammen bilden die Darmflora, das Mikrobiom.

In den letzten Jahren hat sich gezeigt, dass die Darmflora sowohl Krebstherapien positiv beeinflusst als auch Tumorwachstum in der Leber hemmen kann. (https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/95475/Studie-Darmbakterien-beeinflussen-Tumorabwehr-in-der-Leber).

Auch hat sich herausgestellt, dass Darm und Gehirn miteinander kommunizieren, u. a. auch über Darmmikroben. Über diese Darm-Hirn-Achse beeinflusst das Verdauungssystem nicht nur das Hungergefühl und Appetit, sondern auch Stimmungslage, Emotionen und kognitive Prozesse.

Gibt es also zum Beispiel im Darm ein Problem, so ist auch das Gehirn davon betroffen. Studien konnten zeigen, dass die Darmflora psychisch kranker Menschen vom Mikrobiom gesunder Menschen deutlich abweicht.

Siehe auch (https://www.omni-biotic.com/no_cache/de/blog/detailansicht/news/probiotika-und-gehirn/).

Immer öfter wird vom „Bauchhirn“ gesprochen.

Die Redensart, auf sein Bauchgefühl zu hören, hat also durchaus seine Berechtigung .

Eine gestörte Darmflora stellt zudem ein Risikofaktor für Depressionen dar. (https://www.spektrum.de/news/was-darmbakterien-mit-depressionen-zu-tun-haben/1156781).

Mit den Zusammenhängen zwischen Darm und Gehirn beschäftigt sich der noch recht junge Forschungszweig der Neuromikrobiotik.

Auch scheinen Studien nahe zu legen, dass eine Veränderung des Mikrobioms mit dem Risiko zu Übergewicht zusammenhängen kann, siehe hierzu (https://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/adipositas/article/940549/darm-gehirn-darmbakterien-uebergewicht-ausloesen-koennten.html)

Die Art der Darmbakterien ist abhängig von der bevorzugten Nahrung.

So beherbergen Menschen, die viel Fleisch essen, eine hohe Anzahl von Proteus- und Fäulnisbakterien. Menschen, die viele Ballaststoffe zu sich nehmen, sind eher von Bifidus-Bakterien besiedelt.

Tötet eine Therapie mit Breitbandantibiotika beispielsweise auch die „guten“ Bakterien im Darm ab, so können sich „schlechte“ Bakterien ansiedeln, die die Gesundheit gefährden. Auch anhaltender Stress schädigt das Mikrobiom. Umgekehrt haben Studien gezeigt, dass keimfreie Mäuse sehr viel stressanfälliger sind als Mäuse mit einer Normalflora.

Der menschliche Körper stellt also eine Art Wohngemeinschaft dar, die sich im Laufe der Evolution als ausgesprochen sinnvoll erwiesen hat.

Aber nicht immer kann man Bakterien in „gut“ und „böse“ einteilen.

Sie kennen sicher das Bakterium Helicobacter pylori, das sich bei sehr vielen Menschen im Magen befindet.

Dieses Bakterium kann Magengeschwüre und Tumoren verursachen, aber es reduziert auch die Magensäure und damit Sodbrennen.

Es ist daher nicht sinnvoll, uns keimfrei zu machen, auch wenn die Werbung uns dies weismachen möchte. Um gesund zu sein, benötigen wir eine stabile und ausgewogene Bakteriengemeinschaft. Ein Mensch, der zu viel Wert auf Hygiene legt, schädigt seine gesunde Bakterienbesiedlung und gibt schädlichen Bakterien Raum, sich stattdessen anzusiedeln.

Die schlimmsten Folgen von Überhygiene sieht man bei Kleinkindern.

Ihr Immunsystem wird nicht darauf trainiert, harmlose Keime von schädlichen Keimen zu unterscheiden, was gesundheitliche Konsequenzen nach sich zieht.

Studien zeigen, dass aufgrund der extremen Hygienemaßnahmen in Industrienationen die Anfälligkeit für entzündliche Autoimmunerkrankungen wie Neurodermitis und Morbus Crohn steigt. Schon seit längerem weiß man, dass Bauernkinder, deren Mikrobiom eine große Vielfalt aufzeigt, sehr viel seltener an Allergien erkranken als Stadtkinder.