Begegnung mit einer Göttin

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Frühstück Restaurant Karstadt, Hermannplatz, Berlin-Kreuzberg.

Wie jeden Mittwoch genoss ich frischen Brötchen, duftenden Kaffee und Zeitungslektüre.
Zwischen zwei Artikeln ließ ich meinen Blick durch den Raum schweifen, der unvermittelt rechts von mir zum Stillstand kam.

Meine Aufmerksamkeit galt einer Frau in Cowboy-Stiefeln, vermutlich Schlangenleder, in hellblauen Jeans, mit ausgestreckten übereinander geschlagenen ellenlangen Beinen, weißer Rollkragenpullover. Typ Mette-Marit: Große blauen Augen, schmale Nase, breiter Mund, schmale Lippen vor strahlend weißen Zähnen; blonde, schulterlange Spaghetti-Haare und einen Pony der knapp über den Augen endete. Eine sehr schöne Frau mit anmutenden, ruhigen gelassenen Gesten.
Frei von Unruhe, Nervosität und Hast.
An ihrer rechten Seite, umschlungen von ihrem Arm, ein schätzungsweise vier Jahre altes Mädchen. Vermutlich ihre Tochter.
Während die rechte Hand der Mutter sanft über den Mädchenkopf streichelte, blätterte die linke von Zeit zu Zeit die Seiten eines Märchenbuches um, das auf ihren Oberschenkel postiert war und an der Tischkante lehnte.
Ein harmonisches Bild. Mutter und Tochter waren sich sehr nah.

Plötzlich, völlig unerwartet hielt sie in ihren Bewegungen inne. Sie hatte bemerkt, wie ich sie anstarrte, was mir peinlich war.
Eiskalt und ohne eine Miene zu verziehen, fixierte sie mich und drohte mir mit dem Blick einer Löwenmutter, augenblicklich von ihr und ihrer Tochter abzulassen und schleunigst woanders hinzuschauen.

Abrupt widmete ich mich erneut meiner Zeitungslektüre ohne zu wissen, was da geschrieben stand. Ich war derart perplex, ich hätte in diesem Moment auch nicht gewusst, welcher Tag es heute ist,
wie der Bundespräsident heißt geschweige denn, wo er residiert. Blackout. Das einzige, was ich spürte, war ein gewaltiges Feuerwerk in meinem Kopf oder waren es die Schläge meiner Lebensbausteine, die wie in einem Kaleidoskop auf das Heftigste durcheinander gewirbelt wurden.

Was für eine Frau! Was für eine Waaaaaahnsinnsfrau!!!!!
Ich hatte Blutdruck, Rücken und Rhythmusstörungen. So also fühlt sich an, an der Eingangspforte zum Sensenmann.
Sie ist es gewohnt, angestarrt zu werden, soviel steht fest. Auch, dass sie sich dagegen bestens wehren konnte, hat sie eindrucksvoll bewiesen. Diese Frau hat doch bestimmt mindestens einen Lover, mindestens. Keine Frau der Welt kann derart treu sein, bei den Angeboten die sie bekommt.

Sicherlich ist es irgendein Groupie oder irgend so eine Rock`n Roll-Röhre die ständig auf Achse ist und ihre Tochter nur alle Schaltjahre einmal sieht. Kein Wunder, dass die beiden so harmonisch ….

Sie steht auf. Mit der leeren Tasse in der Hand geht sie, schreitet sie, schwebt sie dem gastronomischen Areal entgegen.
Himmel. Was für ein Bild.
Nein, das ist kein Groupie. Auch keine Rock-Röhre. Das ist eine Göttin und Mutter, eine göttliche Mutter, die die Nase gestrichen voll hat von Männern und ihren dämlichen Komplimenten, viel zu teuren Geschenken; die sie als Trophäe benutzten um das eigene kleine Ego aufzuwerten, die sich in ihrer Schönheit sonnten, sich aber nie für ihre Seele interessierten.
Nein, Männer waren für sie nichts weiter als erbärmliche Würstchen, die man manipulieren, abrichten konnte.
Sie hatte genug von diesen langweiligen Schwätzern.
Sie will einfach nur Mutter und für ihre kleine Familie da sein.

Kerzengerade, wie ein Karl Lagerfeld Mode-Model, den Blick nach unten auf den Boden gerichtet -wohl wissend, dass genau jetzt alle Blicke auf sie gerichtet sein werden, sogar die umstehenden Grünpflanzen scheinen sich in ihre Richtung hin auszurichten, setzt sie langen Schrittes und in aller Ruhe einen Fuß vor den anderen, um sich am Thermomat eine weitere Tasse Tee einzuschenken.
Genau dieser Moment, der Moment vollkommener Weiblichkeit, in dem Frauen zu Grazien mutieren, lässt uns Männer, alle Männer – vom Handwerker bis zum Weltenlenker – voller Bewunderung auf die Knie sinken. Wir sind Jäger. Aber für diese Art von Frauen wollen wir
Jäger UND Sammler sein.

Zurück am Tisch nehmen beide wieder ihre Kuschelhaltung ein, die Mutter küsst der Tochter auf den Kopf, stellt das Märchenbuch auf ihre Oberschenkel und liest weiter vor.

Ich hingegen beschließe, mein Leben zu retten und unverzüglich aufzubrechen.
Beim Zuschlagen der Zeitung bemerkte ich die freie, unbedruckte Stelle einer Anzeige.
Soll ich ihr eine Nachricht zukommen lassen, überlege ich kurz. Immerhin, was hab` ich zu verlieren außer, es sitzt irgendwo zwischen den Gästen ein eifersüchtiger Ehemann, der mich bei der Übergabe des Zettels mehrfach erschießt? Und sind es nicht selten die schönsten Frauen, die sich in potthässliche Männer verlieben? So gesehen hätte ich eine Riesenchance bei ihr.

Ich zupfe das Rechteck frei und schrieb:
„Nicht wegen Deiner Schönheit, sondern wegen Deiner so ansprechenden Art möchte ich Dich unbedingt kennenlernen, sofern Du keine Mafioso-Braut bist. Doch, auch dann.
Name, Telefonnummer-Festnetzanschluss.
Ich falte das Stück Papier, stehe auf und schlage mutig die Richtung zu ihrem Tisch ein.
Beim Näherkommen richtet sie langsam ihren Blick auf mich, um ihn gleich wieder unaufgeregt abzuwenden als ich vor ihrem Tisch stand.

Meinen Zettel platzierte ich langsam – jede hastige Bewegung vermeidend – wie eine Opfergabe an das Tischende, gekoppelt mit den geistreichen Worten eines Verwirrten: „Sollte ich vor Aufregung das Bewusstsein verlieren, kümmere Dich nicht um mich“.

Auf der Rolltreppe stehend wagte ich einen Blick zurück. Die Szenerie hat sich nicht verändert: Mutter liest Tochter aus dem Märchenband vor. Der Zettel liegt unberührt am Tischende.
Und während mich die Rolltreppe zurück ins Leben geleitet frage ich mich, wie viele Zettel sie in ihrem Leben schon lesen musste?

Der Alltag hat mich wieder. Nur noch gelegentlich denke ich an die Begegnung zurück.
Es sind mittlerweile 12 Tage vergangen als am Abend das Telefon klingelte.
„Weißt Du wer hier spricht?“.

Wir telefonierten lange an diesem Montagabend. Auch am Dienstagabend. Und am Mittwochabend. Am Donnerstag trafen wir uns kurz in einem Café und verabredeten uns für das kommende Wochenende, an dem die Tochter bei ihrem Papa war.
Freitag Theater.
Samstag Kino. Ich hielt ihre Hand.
Sonntagmorgen, ich blinzelte vorsichtig in den Tag hinein. Zwei wunderschöne blaue Augen schauten mich an und ich hörte eine liebliche Stimme sagen:
„Wat kiekste mir an wie´n Nacktmull?“.
Das war vor siebzehn Jahren.

Heute feiern wir unseren sechzehnten Hochzeitstag.