Berliner Taxifahrer

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Die Nacht war kurz und so musste ich mir ein Taxi bestellen.
„Zum Hauptbahnhof, bitte.” „Wird jemacht!” „Oh, anscheinend ein waschechter Berliner”, dachte ich. Eine Rarität.
Sofort war ich hellwach. Ich bin nämlich vernarrt in die Berliner Mundart und den Menschenschlag dahinter, mit seinem ausgeprägten unerschütterlichem Selbstbewusstsein, das ihm zu einer Schnoddrigkeit befähigt, die ihresgleichen sucht, gepaart mit dieser bewundernswerten Schlagfertigkeit.

Ich musste an den Busfahrer neulich denken, eine verwandte Spezies der Taxifahrer. Ich sah ihn in seinem Nachtlinienbus herankommen und futterte schnell meine Currywurst auf. Alle Gäste waren schon an dem Busfahrer, den Fahrschein zeigend, vorbeiflaniert, als ich noch schnell die Pappschale entsorgte. Sein Blick, der keinen Zweifel darin ließ, wer hier der Chef war, verfolgte bereits etwas genervt mein Tun. Daher sagte ich beim Einsteigen freundlich, dass ich nicht mit der Currywurst in den Bus einsteigen wollte und daher schnell aufgegessen habe.
Daraufhin schaute er von ganz unten ganz steil nach oben in meine Augen und bemerkte gelassen:
„Mit Wurst wärn se sowieso nich hier rinn jekommen.” Nun doch ein wenig „angefressen” von seiner Ruppigkeit, wollte ich schlagfertig sein und antwortete so cool es ging, „Ick kann in meinem Mund soviel Wurst bunkern, wie ick will”. Und er: „Dat könn se. Aber wenn se mer nich sagen können, wo se hin wollen, weil die Luke dicht is, fahrn se hier ooch nich mit.” Eins zu Null für den Busfahrer.

Zurück zur Realität. „Meinem” waschechten Berliner Taxifahrer wollte ich noch ein bisschen Slang entlocken, bevor ich wieder hochdeutschen Hambuger Boden betrat und fragte ihn daher ein wenig provozierend: „Zum Hauptbahnhof, bitte. Sie wissen doch, wo der ist?” Soeben den Blinker setzend und langsam losfahrend, stoppte er den Wagen abrupt. „So ein Mist”, dachte ich. „Wie kannst du aber auch nur so eine dämliche Frage stellen. Eine Beleidigung ist das und er hätte vollkommen recht, wenn er dich Riesenarschloch jetzt kurzerhand aus dem Taxi schmeißen würde”.

Berliner Taxifahrer aber ticken anders. Berliner Taxifahrer kannst du weder aus der Ruhe bringen noch beleidigen.
Als Nicht-Berliner bist du für Berliner Taxifahrer nur ein Durchreisender. Ein Durchgangsposten. Ein Nichtexistierender. Ein Luftzug. Eher ein Windchen. Ein Furz. Demzufolge ist er logischerweise auch nur an einem interessiert, an deinem Geld. Keine Geschichten interessieren ihn, keine Fragen, auch keine, die sein Wohlbefinden betreffen. Wie neulich, als ich gut gelaunt in ein Taxi gesprungen bin und den Fahrer gefragt habe:
„Und, wie geht es ihnen?” Er hat mich verwundert angeschaut und geantwortet: „Ick bin achtundsechzig, mein Herr. Et ist Halbeviere in der Frühe und ick fahre se mit einem Auto nach Hause, wat noch nich mal mir jehört und SIE fragen mir, wie et mir jeht?”

Und auch “mein” Berliner Taxifahrer ließ mich sehr schnell sehr alt aussehen, als er auf meine (unverschämte) Frage, ob er wisse, wo der Hauptbahnhof läge, ruhig, mich mit festem Blick fixierend, antwortete: „Für solche speziellen Fälle hab ick immer nen Stadtplan dabei, verstehn se?”