Berliner Taxifahrer

Christian

Die Nacht war kurz und so musste ich mir ein Taxi bestellen.
„Zum Hauptbahnhof, bitte“. „Wird jemacht!“.
„Oh, anscheinend ein waschechter Berliner“, dachte ich. Eine Rarität.
Sofort war ich hellwach. Ich bin nämlich vernarrt in die Berliner Mundart und den Menschenschlag dahinter, mit seinem ausgeprägten unerschütterlichem Selbstbewusstsein, das ihm zu einer Schnoddrigkeit befähigt, die seinesgleichen sucht, gepaart mit dieser bewundernswerten Schlagfähigkeit.
Diese Gelegenheit konnte ich nicht ungenutzt lassen und wollte „Meinem“ waschechten Berliner Taxifahrer noch ein bisschen Slang entlocken, bevor ich wieder hochdeutschen Hamburger Boden betrat.
So warf ich ein hoch provozierende Frage vorne in das Führerhaus: „Zum Hauptbahnhof, bitte. Sie wissen doch, wo der ist?“. Soeben den Blinker setzend und langsam losfahrend, stoppte er den Wagen abrupt. „So ein Mist”, dachte ich. „Wie kannst du aber auch nur so eine dämliche Frage stellen. Eine Beleidigung ist das und er hätte vollkommen recht, wenn er dich Riesenarschloch jetzt kurzerhand aus dem Taxi schmeißen würde“.

Berliner Taxifahrer aber ticken anders. Berliner Taxifahrer kannst du weder aus der Ruhe bringen noch beleidigen.
Als Nicht-Berliner bist du für Berliner Taxifahrer nur ein Durchreisender. Ein Durchgangsposten. Ein Nichtexistierender. Ein Luftzug. Eher ein Windchen. Ein Furz. Demzufolge ist er logischerweise auch nur an einem interessiert, an deinem Geld. Keine Geschichten interessieren ihn, keine Fragen, auch keine, die sein Wohlbefinden betreffen. Wie neulich, als ich gut gelaunt in ein Taxi gesprungen bin und den Fahrer gefragt habe:
„Und, wie geht es ihnen?“ Er hat mich verwundert angeschaut und geantwortet: „Ick bin achtundsechzig, mein Herr. Et ist Halbeviere in der Frühe und ick fahre se mit einem Auto nach Hause, wat noch nich mal mir jehört und SIE fragen mir, wie et mir jeht?“

Und auch „mein“ Berliner Taxifahrer ließ mich sehr schnell sehr alt aussehen, als er auf meine (unverschämte) Frage, ob er wisse, wo der Hauptbahnhof läge, ruhig, mich mit festem Blick fixierend, antwortete: „Für solche speziellen Fälle hab ick immer nen Stadtplan dabei, verstehn se?“