Panik im Harnsteinzimmer

19. Januar 2019
Christian

Sorglos stand ich vor der Urinschüssel und freute mich auf den bevorstehenden Tanzabend als ich eher beiläufig an mir herabsah, so wie alle Männer beiläufig an sich herabsehen, wenn sie vor der Schüssel stehen und die Decke gelangweilt nach imaginären Schadstellen oder Tierbefall absuchen. Herrschaftjemineh habe ich mich erschrocken als ich Blut im Urinal bemerkte.
Von Panik ergriffen raffte ich meine sieben Sachen zusammen und stürzte hinaus in die Nacht um ein Taxi anzuhalten. Musste mein Leben wirklich so enden?

So ruhig wie nur irgend möglich gab ich mein Fahrtziel an: „Notaufnahme Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf, bitte„. Ich wollte dem Fahrer nichts von meiner inneren Blutung erzählen. Zum einen befürchtete ich, dass er mich in Unkenntnis medizinischer Zusammenhänge kurzerhand herausschmeißen würde, aus Sorge um die Unversehrtheit seiner Sitzbezüge oder aber, dass er derart in Hektik geraten könnte und einen Unfall verursachen würde.

An der Notaufnahme angekommen waren meine Beine bereits schwer. Dass die Ursache meiner heftigen Blutung zuzuschreiben war, war mir bewusst.

Geschlagene 20 Minuten musste ich warten, bis mich endlich eine Krankenschwester in einen Behandlungsraum führte, wo sich sogleich ein dynamischer junger Mann als diensthabender Arzt vorstellte.
„Können Sie Wasser lassen?“, war seine Frage und so füllte ich ein Becher voll mit einer Flüssigkeit, die sich von tomatensaft-rot in rhabarber-rosé verwandelt hatte, was vermutlich dem fehlenden Hämoglobin zuzuschreiben war.
Der Arzt schaute sich meinen Urin an, dann das Ultraschallbild und fragte mich unumwunden: „Haben Sie kürzlich vermehrt Rote Beete zu sich genommen?“.

Durch und durch glücklich mit weit ausgestreckten Armen stand ich vor der Klinik und genoss die Kühle der Nacht.
„Das ist nochmal gut gegangen“, dachte ich. „Gleich morgen werde ich dem Hersteller schreiben, er solle gefälligst einen Hinweis auf der Verpackung anbringen, dass sich Urin und Stuhl rot verfärben können bei einer vermehrten Aufnahme, zum Beispiel bei einer Kur mit Rote-Beete-Saft“.