Bornholmer Straße Berlin

25. April 2019
Christian

Heute an der Bornholmer Straße:

Er kommt fast jeden Tag hierher, erzählt er mir.
Am 9. November 2019 wird es 30 Jahre her sein, als die friedliche Revolution alle Dämme brach und die ersten DDR-Bürger am Grenzübergang Bornholmer Straße zu Tausenden ohne Passkontrolle in den Westen strömten, hinein in das freie, glitzernde West-Berlin.

Bildquelle: https://www.chronikderwende.de
Ost-Berlin/West-Berlin: Die Bornholmer Brücke ist der 1.Grenzübergang, der geöffnet wird. © Andreas Schoelzel

Auch er und seine Frau waren dabei. Aber sie kamen nicht bis zum Kurfürstendamm, das erklärte Ziel der meisten Grenzgänger in dieser Nacht. Seine Frau war derart aufgeregt, dass ihr schlichtweg die Beine versagten. Er musste sie schnell von der Masse trennen, denn von hinten drängten begierige Menschen in die Freiheit.
Mit dem Rücken an einen Maschendrahtzaun gelehnt, saßen die Beiden auf kaltfeuchtem Sandboden.
„Dort drüben, sehn se die Baumreihe da hinten, da ham wa jesessen, die janze Nacht durch“, und zeigte mit dem Finger auf die Stelle, die ca 500 Meter entfernt lag.
Seine Frau, erzählt er weiter, wischte mit ihren Händen neben sich immer wieder über den Sand und sagte unter Tränen unzählige male immer nur diesen einen Satz: „Wir sind im Westen, Erwin. Wir sind im Westen. Jetze wird allet jut“.
Sie verstarb vor zwei Jahren im Alter von vierundsiebzig. Er wohnt noch immer in der Bornholmer Straße, keine 200 Meter von der Gedenkstätte entfernt, hinter der ein ganzes Volk gefangen gehalten und von seiner Regierung auf das schändlichste missbraucht wurde.

DIE WÜRDE DES MENSCHEN IST UNANTASTBAR.
Dieser Satz steigt in mir hoch wie eine mächtige Blase.
Es ist ein mächtiger gewichtiger Satz, der mir seit 70 Jahren eine Freiheit garantiert, die aber keineswegs selbstverständlich ist so lange es Menschen, Völker, Religionen gibt die sich für wichtiger, wertvoller, lebenswerter halten, als andere.

Vor einem Jahr erklärte der türkische Parlamentspräsident Ismail Kahraman:
„Denjenigen, die unsere Werte angreifen, brechen wir die Hände, schneiden ihnen die Zunge ab und vernichten ihr Leben.“

Auch am heutigen Tage – hier in Europa – spritzt frisches Blut aus zerschlagenen Arterien an die Wände der Folterkammern. Und morgen auch.

„Aufpassen!“, schießt es mir durch den Kopf heute an der Bornholmer Straße.