Philosoph Opa Kruschke: In Zeiten der Corona-Pandemie – Teil 1

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Wie alles begann
„Ich biete euch an, Max bei mir aufzunehmen bis die Sache ausgestanden ist“.
Philosoph a. D. Opa Kruschke hatte seinem Sohn und seiner Schwiegertochter
das Treffen vorgeschlagen, nachdem in Deutschland die Zahl der Infizierten
dramatisch in die Höhe schnellte und die Bundesregierung bereits
Großveranstaltungen abgesagt und Schulen, Hochschulen und Kindergärten
den Betrieb untersagt hatte.

Und nun über die Schließung von Restaurants und
andere Gewerbebetriebe ebenfalls nachdachte wurde.
Und wenn Regierungen über etwas „nachdenken“ wird es in der Regel auch Fakt.
„Nachdenken“, sagen Politiker gerne, wenn sie nach einer sanften Möglichkeit suchen, dem Volke etwas unterzujubeln. Das war Opa Kruschke klar.

Schwiegertochter Karen ist OP-Schwester.
Sein Sohn Eddie hat die Firma eines Freundes übernommen, die intensivmedizinische Geräte wartet und repariert. Er ist mit seinen 38 Jahren Asthmatiker und der eigentliche Grund für das Treffen.

Als Asthmatiker gehört sein Sohn zu der Gruppe der Hochgefährdeten.
Eine Infektion kann ihm das Leben kosten. Und sollte er glimpflich davon kommen, d.h. nicht in seinem eigenen Lungensekret langsam und qualvoll zu ersticken, ist die Wahrscheinlichkeit doch sehr hoch, dass nach überstandener Infektionen Narbengewebe in seinen beiden Lungenflügel zurückbleibt und ihn zu einem Schwerbehinderten macht, was der ganzen Familie ein unbeschwertes Leben unmöglich macht. Ungeachtet der Tatsache, dass auch schwere Nieren- oder Gefäßschäden zurückbleiben können.
Und dieser Gefahr gilt es mit aller Entschlossenheit entgegenzutreten, weshalb Opa Kruschke bei seinem Vortrag auch kein Blatt vor den Mund genommen hatte.

„Aber Du gehörst doch auch zur Risikogruppe, Opa“, entgegnete ihm seine
Schwiegertochter. „Was ist, wenn Du Dich infizierst und daran stirbst?“

Opa Kruschke lächelte und schaute seine Schwiegertochter lange in die Augen bevor er antwortete: „Warum erhalten Menschen wie Du eigentlich keine Gefahrenzulage in diesen Zeiten, meine Gute? Aber zu Deiner Frage: Erstens, wir werden uns alle früher oder später mit diesem Virus infizieren, infizieren müssen damit sich Antikörper in uns entwickeln können. Das Virus wird sich ja nicht in Luft auflösen.
Zweitens, meine liebe Schwiegertochter, habe ich mein Leben mit 75 Jahren gelebt. Und es war ein schönes Leben”.

Ich musste nie hungern, nie frieren, nie flüchten. Hatte immer ein Dach über dem Kopf und fühlte mich zeit meines Lebens geborgen. Als Jugendlicher genoss ich in vollen Zügen die Erfindung der Antibabypille und des Minirocks; Fahrten nach Kabul um bestes Gras zu kaufen.
Make Love not War. Auflehnung gegen die Elten, gegen das System (Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment).
Beatles, Elvis, Rolling Stones, Woodstock.
Bäche in denen Forellen schwammen. Die Winter waren weiß und die Sommer heiß.
Rückblickend betrachtet hatte ich das große Glück in die bis dahin besten Epoche der Geschichte hinein geboren zu sein.
Und ich war noch nie in meinem Leben ernsthaft krank.
Bei soviel Glück wäre es fast schon vermessen, Angst vor dem Tod zu haben. Und um ehrlich zu sein, und legte die Hand auf Karens Knie, in einer Welt ohne Eisbären möchte ich nicht leben!“ Betretenes schweigen.

Der Plan
„Und wie soll das vonstattengehen?“, eröffnete sein Sohn die weitere Unterhaltung.
„Du kümmerst Dich tagsüber um den Kleinen und bringst ihn abends zurück, oder wie?“.
„Das wäre kontraproduktiv“, entgegnete Opa Kruschke leicht verärgert.
„Es gilt, und das ist oberstes Gebot, dass DU Dich nicht infizierst. Du darfst mit diesem Virus zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht in Berührung kommen. Und zwar so lange nicht, bis sich das Virus abgeschwächt hat oder es einen Impfstoff dagegen gibt. Verstehst Du das nicht? Karen, was sagst Du dazu?“

„Ja, wie? Soll ich mich einsperren oder was?“, erwiderte der Sohn leicht aufgebracht und suchte den Blickkontakt zu seiner Frau.
„Ja!“, entgegnete Opa in seiner unnachahmlichen, direkten Art,“genau das meine ich!
Wir müssen hier und heute nach Regeln suchen, sie aufstellen und EINHALTEN!“

„Du und eine Regeln“, entgegnete Eddie missmutig, warf den Kopf in den Nacken und starrte zur Decke. Er musste nachdenken.

Opa war für das Aufstellen von Regeln berühmt. Aber sie funktionierten. Immer. Eigentlich war es ein Gemeinschaftswerk zwischen ihm und seiner Mutter. Beide waren sich einig, dass ein gutes Miteinander Regeln bedarf. Regeln die gemeinschaftlich erörtert, von allen Seiten beleuchtet, beschlossen, eingehalten und nicht infrage gestellt wurden.

Er spürte eine Auflehnung in sich hochsteigen bei dem Gedanken an das Regelwerk, was sein Vater aufstellen wollte, obwohl es hierfür keine Gründe gab. Er selbst hat das Aufstellen von Regeln zu großen Teilen ebenso in seiner Familie zum Prinzip gemacht, weil Regeln tatsächlich das Leben wesentlich vereinfachen können, sofern sich jeder daran hält.
Angenehm bestätigt fühlte sich Eddie vor Jahren, als er die Biografie des Tennisstars Rafael Nadal gelesen hatte, “RAFFA Mein Weg an die Spitze”. Hierin beschreibt er, dass auch in seiner Familie Regeln aufgestellt wurden, die, so Nadal weiter, Grundlage für ein Zusammenleben innerhalb eines Drei-Generationen-Hauses war, in dem es niemals Streit gab.

„Und? Was schlägst Du vor, Papa?“. „Nun komm` mal wieder runter, mein Junge. Es geht hier um Dich und nur um Dich. Wir anderen werden vielleicht infiziert, mit hoher Wahrscheinlichkeit sogar. Aber wir werden es schadlos überleben. Du vielleicht nicht, mein Sohn.“

Sichtlich bewegt und den Tränen nahe antwortete er: “Und was schlägst
Du also vor, Pa?“, wiederholte er sich.

Die Regeln

Opa Kruschke unterbreitete seine Vorschläge über den künftigen Umgang zwischen ihm, seinem Sohn, seiner Schwiegertochter und dem Enkel Max.
Seine Überlegungen basieren auf Telefonate mit seinem alten Freund, einem Internisten und einem, mit dem Internisten befreundeten Virologen.

Die Argumente waren für die Eltern im Großen und Ganzen akzeptabel, bis auf einige wenige Änderungen und so verständigte man sich auf folgende Regeln:

1.) Enkel Max wohnt ab morgen bei Opa.
2.) Schwiegertochter wohnt für mindestens 14 Tage im Schwesterheim.
3.) Sohn Eddie nutzt die Wohnung.
4.) Kontaktsperre für mindestens 14 Tage, zwischen Eltern, Sohn und Opa.
5.) Kontaktsperre auch zwischen den Eltern.

6.) Kontaktsperre für Eddie innerhalb der Firma gegenüber allen Mitarbeitern.
7.) Eddie wird veranlassen, dass die Wartungstrupps in drei Gruppen aufgeteilt werden, die untereinander ebenfalls keinen Kontakt haben. Kommunikation erfolgt ausschließlich über Telefon und digital.

Es ist Abend geworden. Alle wirken ein wenig erschöpft.
„Und was ist, wenn sich die Lage verschlimmert?“, fragte Eddie.

„Wir sollten besser davon ausgehen, dass sich das Virus noch rasanter ausbreiten wird. Wohin das führt weiß zum gegenwärtigen Zeitpunkt niemand. Aber eines ist sicher, irgendwann wird sich die Anzahl der Infektionen abschwächen. Irgendwann ist die Dichte der immun gewordenen Menschen derart hoch, dass die Ausbreitung schlagartig
abnehmen wird. Und dann, mein Junge, ..“
Er umarmte seinen Sohn mit den Worten: „Bis morgen.“