Über Corona-Verdränger/Verdreher in der Tangoszene

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Während die Regierung 2020 den ersten Lockdown verhängte mit Kontaktverboten und so, trafen sich in Berlin TänzerInnen um heimlich hinter verschlossenen Türen Tango zu tanzen. Ohne Mundschutz. Testverfahren und Impfstoff gab es noch keinen. Die gleichen Aktivitäten auch in Hamburg, Frankfurt, Freiburg, Stuttgart und München. Auch in 2021. Ab Mitte 2021 trafen sich dann auch Genesene, Geimpfte, Getestete zusammen mit Verweigern.
Ein Workshop in einer norddeutschen Großstadt mutierte zum Spreader Event: 7 von 12 Personen infizierten sich. Davon wenig beeindruckt bewarb die junge Tänzerin sogleich einen neuen Workshop.

 

corona-verdraenger

Umgang mit der Pandemie
Unter den Veranstaltern/Unterrichtenden sowie unter den TänzerInnen scheinen sich im Umgang mit der Pandemie drei Blöcke gebildet zu haben.

Block 1 – die Konsequenten. Sie gehen keine unnötigen Risiken ein, sich oder andere zu infizieren. Veranstaltern/Unterrichtenden bieten keine Aktionen an.
TänzerInnen verzichten weiterhin auf den Tanz

Block 2 – die Vorsichtigen. Sie versuchen das Risiko einer Ansteckung gering zu halten. Veranstalter/Unterrichtende lassen nur Geimpfte, Genesene und Getestete zu, halten die Hygieneregeln weitgehend ein und überwachend das auch. TänzerInnen arbeiten an der Umsetzung aktiv mit.

Block 3 – die Verdränger/Verdreher. Sie verweigern den realen Bezug zum Pandemiegeschehen. Veranstalter/Unterrichtende bewerben ihre Aktionen zwar mit der Einhaltung der 3G-Regelung, kontrollieren sie aber nicht.
Sie halten sich nicht an Abstandsregeln, tragen keinen Mundschutz und vernachlässigen das Hygienekonzept.
Sie ignorieren schlicht und ergreifend die Tatsache einer Infektion
bei Kursen/Workshops/Milongas. Dabei ist die Wahrscheinlichkeit einer Infektion bei den Verdrängern/Verdrehern besonders hoch. Da Besucher durch die Betreiber nicht kontrolliert werden, mischen sich auch Impfgegner und Querdenker unter das Volk. Von ihnen geht eine besonders hohe Wahrscheinlichkeit aus, infiziert zu sein und so als Superspreader unterwegs zu sein.
Die Delta-Variante hat eine 1000-fach höhere Virenlast (Maß für Infektiosität) als das Ursprungsvirus. Es ist ähnlich hochgradig ansteckend wie Windpocken; 9 von 10 Personen werden angesteckt und erkranken potenziell daran.

Das schert Verdränger/Verdreher aber wenig.
Ähnlich wie Urlauber an Flughäfen, die sorglos in Hochinzidenz-Länder reisen mit dem Argument „Es ist doch egal, ob ich hier oder da eine Maske trage“ (und bei ihrer Rückkehr die dritte Welle ausgelöst haben), argumentieren Verdränger/Verdreher in der Tangoszene ähnlich billig.

>>Was ist Verdrängung?
Verdrängen ist normal und menschlich.
Wer nicht verdrängt, wird verrückt.
Wer nur verdrängt auch.
Was uns im Lot hält, ist der „Goldene Mittelweg“, eine Mischung aus Verdrängung und Aufarbeitung, aus Vergegenwärtigen und Verleugnen.

Verdrängung ist Selbstschutz. Wir verdrängen auf Teufel komm raus. Und das ist gut so. Die Seele sprengt traumatisch empfundene Erlebnisse ab, damit der Alltag halbwegs gemeistert werden kann. Später, nachdem einige Zeit vergangen ist, sollte die Verdrängung abgelöst werden durch Aufarbeitung. Das gelingt auch in den meisten Fällen, sofern es sich nicht um traumatische Extremerlebnisse handelt (Flucht, Krieg, Folter, Vertreibung, Inhaftierung, Hunger), sondern traumatische Erlebnisse, die dem „normalen“ Leben zuzuschreiben sind, wie Trennung, Tod oder plötzliche Änderung der Lebensumstände, wie sie beispielsweise eine Pandemie auslösen kann.

Wie lange der innere Konflikt tabuisiert und die Verdrängung anhält, ist individuell unterschiedlich.
Bei Erwachsenen, die Verantwortung für ihr Leben übernehmen, ist die Phase sicherlich kürzer als bei denjenigen, bei denen diese Fähigkeit weniger ausgeprägt ist.
Auf alle Fälle ist es ratsam, Verdrängung dann aufzugeben und sich der Realität zu stellen, wenn Gefahr für die eigene Gesundheit und das eigene Leben besteht und das anderer.
Diese Fähigkeit unterscheidet den Erwachsenen von einem „kalendarisch Erwachsenen“, von einem kindgebliebenen Erwachsenen.

Und von denen scheint es jede Menge zugeben auch innerhalb der Tangogemeinschaft.

Diese Verdränger blenden faktisch eineinhalb Jahre nach Pandemiebeginn die Wirklichkeit weiterhin aus und halten felsenfest an ihrem Wunschdenken fest.

Der Verdränger-Typ
Man erkennt ihn sehr leicht an seiner beharrlichen Weigerung, sich mit der Situation aktiv auseinanderzusetzen. Fragen bereiten ihm Unwohlsein und so reagiert er sehr emotional darauf, besonders bei Nachfragen. Er beantwortet sie entweder zögerlich oder in einem einzigen Schwall von Worten. Am Ende ist er versucht, das Gespräch zu beenden, da weitere Argumente fehlen.

Besonders deutlich wird das an der Argumentationskette vollständig Geimpfter, die hier einen Schwerpunkt erfahren sollen, da ihre Anzahl immer größer wird.

Die Antworten auf die Frage, warum auf Abstand verzichtet, kein Mundschutz getragen und Hautkontakt aufgenommen wird, sind eher stereotyp:
1.) Ich bin doppelt geimpft und kann mich nicht mehr infizieren.
2.) Ich bin doppelt geimpft und wenn ich mich infiziere, wäre der Krankheitsverlauf nur schwach ausgeprägt.
3.) Die Wahrscheinlichkeit mich anzustecken ist bei den niedrigen Inzidenzwerten kaum gegeben.

Ausgeblendet werden die Fakten, dass
– eine vollständige Impfung nicht schützt vor einer neuen Infektion (Der Impfdurchbruch steigt mit der Anzahl der Geimpften)
– der Krankheitsverlauf milder ausfallen kann, aber auch nicht
– Spätfolgen einer erneuten Infektion möglich sind (Das Virus kann systemische Gefäßentzündungen auslösen, auch bei einem milden Verlauf).
– der Impfschutz bei älteren Menschen nur verzögert eintritt und möglicherweise sehr gering ausfallen kann aufgrund der altersbedingten Schwächung des Immunsystems und der geringeren Anzahl an Antikörper. Nicht umsonst erhalten Personen über 60 Jahre die vierfache Dosis bei einer Grippe- Impfung (Infliuenza).

Neben den Geimpften geht auch von den Genesenen und vor allen Dingen von den Getesteten ein Risiko aus, nicht nur sich selbst, sondern auch andere infizieren zu können. Ein 48-Stunden alter Test ist überholt und birgt die Gefahr, dass sich die Person zwischenzeitlich infiziert hat und andere infizieren kann. Vornehmlich dann, wenn die getestete, aber infizierte Person präsymptomatisch unterwegs ist, d.h. sie steckt andere an, obwohl sie selbst noch keinerlei Symptome hat. Auch hier könnte ein Superspreader unterwegs sein.

Der fahrlässige Umgang mit den Fakten birgt jede Menge Gefahr in sich.
Bei Besuchen von Workshops/Kursen/Milongas scheint das Prinzip Hoffnung
die ungetrübte Freude aufrecht zu halten „Es wird schon nichts passieren“.
Aber diese Einstellung kann mächtig in die Hose gehen.

Gleiches betrifft den Umgang mit Aerosolen.
Besonders in enger Tanzhaltung, eine potente Wolke, die sich bei Windstille durch Luftverwirbelung konstant halten kann und somit kontinuierlich eingesaugt, Viren-beladenen Partikel in hoher Anzahl auf unseren Schleimhäuten sanft zur Ruhe betten kann.
Verdränger/Verdreher „sehen“ das anders; sie verweisen unisono auf die Verflüchtigung von Aerosolen. Punkt. Danach, man hört es förmlich einrasten, erfolgt der Gedankenstopp. Überlegungen wie Ort, Abstand, Luftbewegung, Anzahl der Menschen etc. finden nicht statt. Anreiz zum Nachdenken verleiht auch nicht die Erkenntnis über das Potenzial der Delta-Variante, deren Virenlast um das 1000-fache höher ist als die Ursprungsvariante, wie bereits beschrieben.

Verdränger/Verdreher lassen innerhalb ihrer Tangoaktivitäten auch jegliche Form von Hygieneregeln außer acht. Sie blenden aus, dass Körper und Haut mit Viren kontaminiert sein könnten. Infolge dieser Denke findet auch keine Desinfektion der Hände und des Gesichts statt, auch nicht beim Tanzpartnertausch.

Wahrnehmung durch Bilder
Verdränger haben Schwierigkeiten, abstrakte Bilder zu projizieren, die sie eventuell davon abhalten könnten, leichtsinnig zu sein. Beispielsweise sich vorzustellen, dass Luftnot eines der schlimmsten Symptome ist, die ein Mensch haben kann. Allein diese Vorstellung reicht bei einigen Menschen aus, um die Entscheidung zu treffen, alles erdenklich zu tun, um nicht in eine solche Lage zu geraten. Verdränger halten sich mit so einer Überlegung nicht lange auf. Sie können/wollen auch nicht das Bild projizieren, wie bei einem Intensivpatienten die Beatmungsmaschine Sauerstoff in seine Lungen presst, um einem Organversagen vorzubeugen.
Sie können sich aber sehr wohl allgemeine Bilder vorstellen. Zum Beispiel einen Tiger. Wie viel Verdränger/Verdreher würden eine Open-Air-Milonga besuchen in einem Park, der seit Wochen von einem ausgebüxten Tiger heimgesucht wird, der schon zahlreiche Menschen angefallen hat?
Wie viel Väter würden mit ihrer Familie zum Badeurlaub in ihr geliebtes Hochinzidenzgebiet fliegen, wo es an den Stränden vermehrt zu Haiattacken kam?

Wie viel Verdränger/Verdreher würden ihre Haltung aufgeben, zwänge man sie drei Stunden vor einem Bett eines Coronainfizierten auszuharren, der an einer Beatmungsmaschine angeschlossen ist?

Hauptargument Straßenverkehr
„Das Rauchen nicht gesundheitsschädlich ist, beweist Helmut Schmidt.“
So platt wie es einige Raucher formulieren, wird bei Verdrängern/Verdrehern ähnlich argumentiert in Sachen Straßenverkehr.
„Ich nehme am Straßenverkehr teil und fahre schließlich auch Auto“.
„Ja, Du nimmst am Straßenverkehr teil, weil der Straßenverkehr sicher ist. Es gibt Ampeln, Sicherheitsgurt, Airbags, Abstandsregelung, markierte Fahrspuren, Tempolimits und die Polizei, die dafür sorgt, dass sich alle an die Regeln halten.
Würde der Straßenverkehr so stümperhaft geregelt sein, wie Du Dich in der Pandemie verhältst, kämst Du mit Deinem Auto unbeschadet keine 500 Meter weit. Und die Konsequenten (Block1) und Vorsichtigen (Block2) wären gezwungen Waldwege zu nutzen, um sicher ans Ziel zu kommen. Oder andersherum, damit ich richtig verstanden werde: Würdest Du und deinesgleichen soviel Sicherheit im Umgang mit der Pandemie walten lassen, wie Du es dem Autoverkehr zubilligst, gäbe es jetzt keine vierte Welle.
Es hätte noch nicht einmal eine Dritte geben müssen. Klingelt’s? Irgendwo?“

Verantwortung von Veranstaltern/Betreibern/Unterrichtenden
Ob und inwieweit Betreibern/Veranstaltern/Unterrichtende eine Verantwortung tragen oder ob sie aus dem Schneider sind mit dem Argument „Es sind ja schließlich alles Erwachsene, die müssen wissen, was sie tun“, ist eine andere Geschichte.