Philosoph Opa Kruschke: In Zeiten der Pandemie, Teil 7

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06. April 2020. Opa Kruschke lässt sich infizieren.

Der Entschluss war schnell gefasst, seine Schwiegertochter zu sich in die Wohnung zu holen.
Von nun an würden sie zu dritt hier leben, bis sich eine Lösung auch für seinen Sohn Eddie gefunden hat, der tapfer weiterhin in totaler Isolation versuchte dem Virus aus dem Wege zu gehen.

Am vergangenen Sonntag hatten sie sich getroffen und den Nachmittag zusammen verbracht.
Sie hatten sich zum Radeln verabredet. Opa Kruschke stellte ihm seine Tour vor, die er regelmäßig in den Sommermonaten befuhr und von der er wusste, dass sie während der Fahrt kaum auf Menschen treffen würden. Die Tour führte auf Haupt- und Nebenstraßen durch das Gewerbegebiet in Hamburgs Norden. Am Wendepunkt, auf dem Parkplatz des HSV Stadion, würde es später ein Picknick geben (Butter auf Schwarzbrot, Wildlachs, hartgekochte Eier und Jasmin Tee).

Sein Sohn radelte voran, hinter ihm im Windschatten der Vater.
Beide schützen sich mit mehreren Lagen Schal um den Mund gewickelt und genossen die Fahrt bei kühlem Wind und strahlend schönem Wetter.
Wider Erwarten erwies sich das Gewerbegebiet als gar nicht so grau, wie es sich Eddie vorgestellt hatte. Die sonnendurchfluteten Straßen waren sauber, die Höfe aufgeräumt, die Stille angenehm und … menschenleer. Und wie Eddie weiter belustigt feststellte, gab es hier eher mehr zu sehen als bei seinen zahlreichen Radtouren am Elbufer entlang. „Typisch“, dachte er und musste dabei schmunzeln, „während Hamburg an Sonnentagen an die Elbe strömt, an die Außenalster und die Hafencity, radelt sein Vater genüsslich durch ein, wie er es nennt, Naherholungsgebiet zahlreicher Stillleben, die ihm von Erfolgen erzählen und von Misserfolgen; von überschäumender Hoffnung in die Zukunft gleichermaßen wie von dem, was die Vergangenheit sichtbar -für jeden aufmerksamen beobachter- von der Hoffnung übrig gelassen hat. Vater war schon immer ein guter Beobachter, ein guter Zuhörer“.

Was sein Sohn allerdings beim Picknick von seinem Vater zu hören bekam, schmeckte ihm weniger.

Opa Kruschke eröffnete seinem Sohn bei Schwarzbrot mit Butter, Wildlachs, hart gekochtem Ei und Jasmin Tee, dass er plane seine Schwiegertocher trotz ihrer Infektion in seiner Wohnung aufzunehmen und verbesserte sich sogleich in, nicht „trotz“ sondern „wegen“ ihrer Infektion.
Auf den ersten Blick möge das unsinnig erscheinen, so Opa Kruschke weiter, aber angesichts der Tatsache, dass das Viruszur Zeit nicht bekämpft werden kann, zumindest nicht bis Ende des Jahres, sich zudem noch nicht einmal 1% der Bevölkerung infiziert habe, ist davon auszugehen, dass er sich früher oder später auf alle Fälle infizieren würde. Dann lieber jetzt als später, fuhr Opa Kruschke fort und fügte noch drei weitere Argumente hinzu.
Erstens sind Mutter und Sohn nicht weiter getrennt.
Zweitens wird sie Max und mich hoffentlich infizieren. Da ihre eigene Infektion bisher kaum dramatisch verläuft, er hielt die in Abwehrhaltung der wedelnden Hände seines Sohnes fest und sagte „Lass mich aussprechen“, wird die Infektion eventuell auch bei mir nicht heftig verlaufen. Und bei Max sowieso nicht.
Das heißt mein Sohn, drittens, ich werde nach überstandener Infektion Antikörper gebildet haben die ich auf Dich übertragen kann. Und dann bist Du aus dem Schneider, verstehst Du. Du bist das Ziel. Dir darf nicht geschehen mit deiner Asthmageschichte. Und ( und an dieser Stelle des Gespräches wurde Opa Kruschke unüberhörbar laut, für alle die sich in einem Radius von 20 Metern aufhielten, also für niemanden ), ich will nicht das du stirbst und ich will auch nicht, dass dich so eine scheiß Beatmungsmaschine zeit deines Lebens zum Krüppel macht, denn das können diese Dinger. Du weißt das besser als ich. Und viertens, Du wirst nicht pleite gehen und deine Familie weiterhin gut versorgen können.

Nach einer Pause und wieder etwas leiser fuhr er lächelnd fort, den Blick steil in den wolkenlosen Himmel gerichtet: „Genau betrachtet ist das alles eine rein egoistische Nummer. Ich will einfach keine Sorgen haben“. Sein Sohn kämpfte mit den Tränen und hielt die Hände seines Vaters fest umklammert.
Weiter mit Teil 8 >> Sohn Eddie infiziert sich