Philosoph Opa Kruschke. Sohn Eddie infiziert sich. Teil 8

23. März 2020
Christian

Es begann mitten in der Nacht: Ein stechender Kopfschmerz und Schluckbeschwerden kündigten die Infektion mit Covid-19 an.
Am Morgen klagte Opa Kruschke über Gliederschmerzen und Schnupfen. Seine Körpertemperatur betrug 38°.
Seine Schwiegertochter wollte den Arzt rufen, aber er winkte ab. „Noch nicht, warten wir ab, wie es sich entwickelt“, erwiderte Opa Kruschke, und verwies auf das Sauerstoffmessgerät (Pulsoximeter) an seinem Zeigefinger, das ihm seine Schwiegertochter angelegt hatte. Die Sauerstoffsättigung im Blut betrug demnach 98%. Der Normalwert liegt zwischen 94% und 98%. Noch kein Grund zur Beunruhigung.

Kruschke lag regungslos im Bett. Seine Körpertemperatur ist auf 39° angestiegen. Seine Haut war trocken und heiß, sein Puls hoch. Ein gutes Zeichen. Sein Körper hatte den Kampf gegen das Virus aufgenommen. Unablässig schickte er die Gesundheitspolizei, die weißen Blutkörperchen, durch die Blutbahn hin zum Infektionsort. Die Geschwindigkeit, mit der die Polizei durch die Blutbahnen gejagt wurde, erzeugt Reibung und erklärt die Temperatur im Körper (39°) und den schnellen Pulsschlag.

Der kleine Max spielte mit seiner Mutter im Wohnzimmer, die kaum Symptome ihrer Infektion zeigte, als es an der Haustür klingelte.
Eine befreundete Krankenschwester stellte ein Teströhrchen vor der Tür ab und nahm den Abstrich wenige Minuten später wieder an sich, um ihn testen zu lassen.

Am nächsten Tag bestätigte sich, was alle bereits vermuteten; eine Infektion mit Covid-19.

In den folgenden Tagen ging es Opa Kruschke den Umständen entsprechend gut. Er schonte sich weiterhin, verließ nicht das Bett um den Abwehrprozess des Körpers nicht entgegenzuwirken.
Am fünften Tag war der Sauerstoffgehalt seines Blutes von 98% auf 96% gesunken, was bei seiner Schwiegertochter leichte Unruhe auslöste. Als in der Nacht der Sauerstoffgehalt auf 94% gesunken war und ihr Schwiegervater schwer zu atmen begann, seine Lippen und Fingernägel eine leicht bläuliche Verfärbung aufwiesen, rief sie den Notarzt.

Nein, ins Krankenhaus wolle er nicht. Noch nicht. Erst wenn der Sauerstoffgehalt weiter sinken würde, erst dann. Auch lehnte Opa Kruschke eine Sauerstoffzufuhr ab mit den Worten, „Wir lassen erstmal den Körper machen und dann schauen wir mal“.
An der Haustür mahnte der Notarzt zur unbedingten Vorsicht. Die Sauerstoffsättigung dürfe auf keinen Fall weiter fallen, sonst hätten sie im Krankenhaus wenig Spielraum ihm die Intubation zu ersparen.

Das Atmen fiel Opa Kruschke zusehends schwerer. Die Lunge fühle sich an, als sei sie voll mit kleinen Glassplittern, meinte er. Sein alter Freund und Arzt gab ihm einen Tipp aus seiner Kriegsgefangenenzeit. Dort wandten die an einer Lungenentzündung erkrankten Lagerinsassen die Bauchatmung an, die die Brustatmung vollständig ersetzen und somit die Schmerzen lindern konnte. Zudem, berichtete er weiter, massiere da Zwerchfell durch das Auf und Ab die umliegenden Organe, was zu einer allgemeinen Verbesserung des Krankheitsbildes führte.
Und die Bauchatmung half tatsächlich.

Zum xten Male telefonierte Opa Kruschke an diesem Tage per Videoschalte mit seinem Sohn.
Der arme war völlig verzweifelt. Seit Wochen hat er weder seine Frau noch seinen Sohn gesehen und lebt in vollkommener Isolation. Seine Frau hat sich mit dem Virus infiziert und nun auch sein alter Vater.
Tränen standen ihm in den Augen als er seinen Vater so im Bette liegen sah, kreidebleich mit blauen Lippen und schwerer Atmung. Es wäre alles nicht so schlimm, gab er seinem Sohn zu verstehen. „Du ahnst ja nicht, Junge, über wie viel Selbstheilungskräfte unser Körper verfügt. Man darf ihm nur nicht in die Parade fahren mit Medikamenten oder ähnliches. Unser Körper ist ein Wunderwerk. Mein Körper ist ein Wunderwerk. Jeder Körper ist ein Wunderwerk. Es wird mir nichts passieren mein Sohn, glaube mir“. Mit den Worten: „Stirb mir bloß nicht weg, Vater“, beendeten sie das Gespräch.

Die Schwiegertochter brachte das Abendbrot. Haferbrei in Wasser gekocht. Sie hätte ihm auch ein Stück feuchten Karton zum Essen servieren können, denn seit gestern ist ihm jeglicher Geruchs- und Geschmackssinn abhandengekommen.
Nachdem sie den kleinen Max zu Bett gebracht hatte, richtete sie die Campingliege her und positionierte sie neben Opas Bett, schaltete den Fernseher ein und kontrollierte sehr häufig in dieser Nacht den Sauerstoffgehalt in seinem Blut.

Am nächsten Morgen wurde sie durch starkes Husten aus dem Schlaf gerissen.
Ein wenig Schleim hatte sich aus der Lunge gelöst. Nichts Schlimmes. Sauerstoffgehalt 94%,
Temperatur 39°.

In den folgenden Tagen änderte sich wenig. Kruschkes Zustand pendelte sich auf hohem schlechtem Niveau ein.
Das Atmen schmerzte, besonders beim Husten. Der Verlust der Geruchs- und Geschmackssinne
wurde als Trennung von der realen Welt empfunden, ganz so, wie ein Taucher in den Tiefen des Meeres.

Die einzigen erfreulichen Nachrichten gingen von seinem Sohn aus, dem es in seiner selbst auferlegten Quarantäne den Umständen entsprechend gut zu gehen schien und seiner Schwiegertochter, Karen, die ihre Covid-Infektion überstanden hat, genauso wie ihr kleiner Sohn Max.


Am Morgen des neunten Tages machte sich ein wenig Hoffnung breit. Der Sauerstoffgehalt von Opa Kruschke lag jetzt konstant bei 95%, Temperatur 38°. Karen drückte ihrem Schwiegervater fest die Hände und seine Augen füllten sich mit Tränen. Sollte er das Gröbste überstanden haben?


Nach weiteren vier Tagen, es war der dreizehnte Tag nach Auftreten der ersten Symptome,
stand Opa Kruschke vor weit geöffneten Fenster und atmete tief die frische kühle Luft ein, deren Süße er leider noch immer nicht riechen konnte. Covid-19 war überstanden und das Leben konnte neu beginnen.

Zwei Tage später stand die große Familienzusammenführung bevor.
Karen und ihr Sohn zogen nach vier Wochen zurück in ihre eigene Wohnung in der bislang Eddie alleine leben musste, um das Risiko eine Infektion mit Covid-19 zu minimieren. Als Asthmatiker Grad 4 ist, nach heutigem Stand, ein schwerer Krankheitsverlauf zu erwarten und dieses Wagnis wollte man nicht eingehen. Deshalb schickte er gleich am Anfang der Pandemie sein Büropersonal ins Home-Office. Nun saß er zwar alleine in den Räumen, war aber bestens geschützt.

Und nun war die Familie wieder vereint, was entsprechend gefeiert wurde.
Das Leben ist schön.

Das Leben kann aber auch grausam sein.
Vierzehn Tage später wurde eine Coronainfektion bei Eddie diagnostiziert.
Vermutlich hatte er sich bei dem polnischen LKW-Fahrer angesteckt, der eine Warenlieferung gebracht hatte. Im Büro wurden die Papiere durchgegangen. Man kam sich näher. Vielleicht haben die Masken nicht richtig isoliert. Und Eddie hatte vergessen, die Fenster zu öffnen. Jedenfalls bestätigte eine Nachverfolgung die Infektion des Fahrers.

Zwei Tage später lag er auf der Intensivstation. Eine Therapie mit Antikörper-Serum brachte keine Verbesserung. Nach weiteren zwei Tagen war Eddie tot.

Ende