Nur die Katze liebt die Glatze

Sie war schon lange geplant, die Glatze. Immer wieder aufgeschoben aus Bammel vor dem Neuen, dem Unbekannten, wollte ich den gegenwärtigen Lockdown nutzen und mein Vorhaben endlich in die Tat umsetzen. Sollte das Experiment „Glatze“ nicht den gewünschten Erfolg bringen, würde es außer mir niemand anderes mitbekommen. Auf YouTube holte ich mir das Rüstzeug für die bevorstehende Tonsur.

Im Badezimmer vor dem Spiegel schnitt ich zunächst mit einer großen Schere planlos den Großteil meines Haupthaares ab. Im zweiten Schritt positionierte ich den Scherkopf des Bartschneiders fachmännisch am Stirnansatz meines Mittelscheitels und zog die erste Furche durch volles Haar. Während büschelweise das Gewöll über meinen nackten Körper nach unten glitt, sah ich mich in Gedanken bereits in einer Linie mit den glatzigen Charakterköpfen Telly Savallas, Bruce Willis, Yul Brunner oder Christan Berkel stehen.
Nach 20-minütiger virtuoser Scherkopfführung war das Tagwerk vollbracht. Bis zu den Knöcheln stand ich in ehemals flauschigem Kopfhaar und betrachtete mich ausgiebig im Spiegel.
Das Ergebnis konnte sich nicht sehen lassen.
Dieser Mensch vor mir war mir fremd. Sein erschrockener Blick, sein kahl geschorener Schädel mit diesen abstehenden Ohren erinnerte mich blitzartig an einen entflohenen Strafgefangenen aus einem sibirischen Gulag, der irgendwie in mein Badezimmer gelangt sein musste.

Es dauerte, bis ich mir eingestehen konnte, dass ich es war, der vor mir stand. Verzweiflung machte sich breit. Meine Augen füllten sich mit Tränen in dem Augenblick, in dem mir bewusst wurde, dass ich eine lang andauernde Periode in vollkommener Isolation vor mir hatte.

Sollten Sie, liebe Leserin, lieber Leser, Ähnliches planen, vergewissern sie sich bitte im Vorwege, ob sie überhaupt die optische Voraussetzung erfüllen. Prüfen Sie vorurteilsfrei ihre Kopfform!!
Die Seitenteile ihres Schädels sollten gerade nach oben verlaufen und nicht durch seitliche Wulste unterbrochen sein. Mit der Stirn verhält es sich ebenso. Sie sollte hoch sein, mit einer leichten Wölbung zur Schädeldecke hin und übergehen in einen wohlgeformten Hinterkopf, der gerade nach unten verläuft und sanft in die Halsformation übergeht.

Meine Stirn hingegen, es kostet mich ein wenig Überwindung, die Fakten mitleidlos zu benennen ( Realität kann so grausam sein), weist bereits oberhalb meiner Augenbrauen einen eher „fliehenden“ Verlauf auf, ähnlich einem halbgeöffneten Garagentor und legt, als wäre ich noch nicht genug gestraft, in der hinteren Hälfte meiner Schädeldecke eine Delle frei, die einer Murmelmulde gleicht und den darunterliegenden, zwischen den Ohren horizontal verlaufenden Fettwulst größer erscheinen lässt, als er in Wirklichkeit ist. Wenn mir eines klar geworden ist: Die Glatze ist gar nicht so nett, wie sie bei anderen wirkt. Die Glatze kennt keine Kompromisse: schwarz oder weiß, heiß oder kalt, männlich oder dämlich.

Nein, ich habe mich nie überschätzt und für einen Brad Pitt gehalten. Aber dass ich ohne Haupthaar derart dämlich aussehe, das war mir neu. Auch dass sich die Ohren nach einer Tonsur um die Hälfte vergrößern, wusste ich nicht. Ein Nacktmull ist zum Vergleich zu mir ein Adonis.

Auch der Zeitpunkt war falsch gewählt. Ich hatte vollkommen übersehen, dass der Frühling vor der Tür steht. Die beste Zeit, um über den Mundschutz hinweg mit seinen Mitmenschen in Augenkontakt zu treten, zu flirten. Die gesamte Natur hat sich herausgeputzt für dem Megaflirt von Flora und Fauna. Die Bäume schlagen aus, Veronika der Spargel wächst. Alles befindet sich in freudiger Erwartung auf Neues, auf Schönes, auf Unbekanntes. Nur ich stehe am Rande und schau` zu. Der Frühling wird an mir vorüberziehen. Mir bleibt nur die Strickmütze und die Nacht für einsame Spaziergänge. Nur die Katze liebt die Glatze.

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