hass-10-nov-2018

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Da staunte er nicht schlecht, als in seinem Mailaccount eine Nachricht der ehemaligen Freundin und Mutter seines Sohnes prangte.
Ein mulmiges Gefühl beschlich ihn. Immerhin hatten weder Mutter noch Sohn seit über vierzehn Jahren rein gar nichts von sich hören lassen.
„Es geht entweder um Tod oder Geld“, dachte er und drückte die Enter-Taste.

Marlene, besagte Ehemalige, schlug ein Treffen vor. Sich vorsichtig annähern, hatte sie geschrieben. Wieder ein wenig zusammenrücken, allerdings vorerst ohne Sohn Konstantin.
Der wäre noch nicht so weit, stand weiter in der Mail zu lesen.

Ihm war übel. Mit gesenktem Blick starrte er auf die Tischplatte und atmete schwer.
In Bruchteilen von Sekunden schossen die unangenehmsten Erinnerungen durch sein Hirn, die er liebend gerne weiterhin unter Verschluss gehalten hätte, gedeckelt durch eine tonnenschwere Stahlplatte.
Doch das funktioniert nicht. Erinnerungen lassen sich nicht wegsperren, nicht zuschütten.
Wer von uns denkt bei dem plötzlichen Geräusch eines tieffliegenden Flugzeug nicht sofort an 09/11?

„Dieses Schwein“, entfuhr es ihm als er sich nach Stunden des Grübelns mühsam aus dem Schreibtischsessel quälte und an der Wand entlang den Lichtschalter suchte, denn es war zwischenzeitlich dunkel geworden.
Er richtete sich gedankenverloren ein kleines Abendessen an und beschloss, diese „Angelegenheit“ noch heute Nacht zu erledigen und sie nicht auf die lange Bank zu schieben.
Er würde sich den Erinnerungen stellen, den damit verbunden Schmerzen und sich danach besaufen.

Sein Weg führte ihn in den Keller, wo er zwischen allerlei Gerümpel einen verstaubten völlig verbeulten Koffer aus brauner Hartpappe hervor zog auf dessen Deckel mit fetten schwarzen Buchstaben „Arschloch“ geschrieben stand.
Zurück in der Wohnung knallte er missmutig den Pappkoffer auf seinen Schreibtisch, zog sich mürrisch den Mantel über und steuerte kopfvoran den Kiosk um die Ecke an.
Ohne Alkohol wollte er Mission „Arschloch“ nicht angehen.

Die Schreibtischlampe leuchtete nur eine Teil des Kofferdeckels aus. Regungslos starrte er auf das braune Stück Vergangenheit. Wenn er den Koffer jetzt öffnet gibt es kein Zurück.
Sein Weg in die Tiefe der Erinnerungen würde schmerzhaft sein und alte längst verheilte Wunden erneut aufreißen Aber er hatte genug Alkohol um sie unmittelbar desinfizieren zu können.

Noch wäre Zeit das Ganze auf sich beruhen zu lassen. Er könnte ihr schreiben, dass er an einer Neuauflage nach 14 Jahren nicht interessiert sei.
Aber da war noch ein Mensch, damals ein noch recht kleiner, den er nicht kennenlernen durfte.
Und auf der anderen Seite die Mutter, die junge, die unerfahrene, die aus Angst etwas Falsches dem Kinde antun zu können fast verrückt wurde. Die nicht mitbekommen hat was passiert, wenn aus Liebe Hass wird.
Und was ist, wenn die Mutter ein Treffen wünscht weil sie todkrank ist und deshalb eine „Familienzusammenführung“ anstrebt?

Nein, er wollte das tun. Und um einen möglichst objektiven Überblick über die Geschehnisse zu erhalten, wird, nein, muss er diesen Koffer öffnen. Denn in seinem Innersten liegt die Wahrheit. Nach 14 Jahren verblassen Erinnerungen, fügen sich neue hinzu, mit denen es sich besser leben ließe. Mörder sehen in der Regel die Schuld beim Ermordeten. Das sollte ihm nicht passieren.

Er öffnete den Deckel behutsam.
Aktenordner, Schnellhefter, in einer Klarsichtfolie pornografische Fotos von ihr (Polaroid), lose Blätter, ein Stapel gebündelter Bahntickets, Briefe von Freunden, das einzige Foto vom Sohn, Sammelordner mit der Aufschrift „Vorkommnisse“, ein getackerter Schriftsatz „Urteil- Amtsgericht Hamburg“.

Da lag sie nun vor ihm, die Vergangenheit. Befriedet und eingezäunt in einem Rechteck aus Pappe, das Schmerzhafteste, Erniedrigenste, Ekelhafteste was ihm in seinem Leben widerfahren war.

Bevor er den Inhalt des Koffers in Angriff nahm, ging er noch einmal in die Küche.
Ein Glas Magenbitter auf ex. Ein weiteres zur Mitnahme ins Wohnzimmer, dazu eine Flasche Bier. Das musste vorerst genügen, seinen hämmernden Pulsschlag zu besänftigen.

Das Biest kann kommen
Als erstes entnahm er ein Stück kariertes Papier auf dem die Mutter seines Sohnes handschriftlich versicherte, dass er, der Vater, niemals auch nur einen Pfennig an Geldleistung für seine Sohn entrichten müsse.
Vorangegangen war ein sehr ehrliches Gespräch in dem sie gestand, dass sie nach zweijähriger Trennung bewusst ein Wochenende für ein Treffen vorschlug, um sich gezielt schwängern zu lassen.
Es war ihr sehnlichster Wunsch gewesen Mutter zu werden, geschwängert von einem Mann, den sie noch immer in all seine Facetten liebte und der Einzige den sie sich als Vater vorstellen konnte. Sie gab damals auch zu, mit dem Kind die Beziehung retten zu wollen.

Dass sie ihn von jeglicher finanzieller Verpflichtung entbunden hat, kam ihm damals sehr gelegen. Denn ausgerechnet in dieser Zeit, wo er Vater wurde, ging es seiner Firma immer schlechter, sodass er kaum über überschüssige finanzielle Mittel verfügte, was sich in den nächsten 12 Jahren auch nicht ändern sollte.
Daher beruhigte ihn es sehr, dass ihre Eltern sie und das Kind finanziell unterstützen würden. Über die Jahren verteilt waren das mehrere tausend Mark.

Was er damals, völlig unerfahren in diesen Dingen, nicht wusste, so ein Schreiben war in keiner Weise rechtsverbindlich. Väter müssen auf alle Fälle zahlen. Die Mutter kann lediglich auf ihren eigenen Unterhalt verzichten, nicht auf den des Kindes.
Die Überraschung bei ihm war entsprechend groß, als er zig Monate später ein Schreiben vom Jugendamt bekam, indem es die Rückzahlung der vorgelegten Unterhaltszahlungen verlangte.
Marlene hatte beim Amt unverzüglich den Unterhaltsvorschuss beantragt, trotz oder zusätzlich zu der finanziellen Unterstützung ihrer Eltern.

Wenn aus Liebe Hass wird
Er sprach sie daraufhin an und sie erinnerte sich auf einmal an kein Schreiben, dass ihn vom Unterhalt entband. Im Gegenteil, sie machte ihm Vorhaltungen dass er sich kein bisschen finanziell an der Versorgung des Kindes beteiligte, wie es seine Pflicht sei. Sie warf ihm vor sein Geld mit anderen Frauen zu verpulvern.
Spätestens da war ihm klar geworden, dass ihre Liebe in blanken Hass umgeschlagen war.
Sie torpedierte sein wöchentliches Besuchsrecht, wo sie konnte und machte ihm den Umgang mit seinem Sohn so schwer wie irgend möglich. Über Wochen verweigerte Marlene ihm den Kontakt zu seinem Sohn mit unterschiedlichsten Ausreden, Krankheit, Besuch bei den Eltern, Wochenendfahrt mit Freundin und so weiter.
Mehrfach kam es vor, dass es bereits unten an der Eingangstür durch die Sprechanlage abgewiesen wurde mit der lapidaren Begründung, sie hätte das total vergessen, dass heute Besuchszeit ist. Sie wäre verabredet und könne das nicht absagen. Nach einer geheuchelten Entschuldigung beendete sie das Gespräch abrupt.
Was konnte er machen? Sie drohte damit, ihm das Besuchsrecht dauerhaft per Gericht zu entziehen, sollte er mit ihren Entscheidungen „irgendwie“ nicht einverstanden sein.

An dieser Stelle muss erklärt werden, dass Anfang der 90er Jahre -und auch die Jahre davor- die Rechtsprechung für Väter ein einziges Desaster war. Die Rechtsprechung ging damals davon aus, dass wenn sich die Mutter aus irgendeinem Grunde unwohl fühlte, sich das auf dass Kind übertragen würde. Somit müsse der Mutter unbedingt ein Umfeld geschaffen werden, in dem das Kindeswohl sichergestellt ist.
Selbstredend nutzten diese Argumentation tausende von Müttern aus und sorgten somit für tausendfaches Leid unter den Vätern. In dieser Zeit entstanden zahlreiche Selbsthilfegruppen für Väter die einfach nicht mehr weiter wussten.

Ein Erlebnis hat sich besonders in sein Gedächtnis gegraben:
Innerhalb einer Väter-Selbsthilfegruppe berichtete ein Mitglied – still, zurückhaltend, introvertiert, Pianist -, dass ihn vor fünf Jahren seine Frau verlassen habe. Das Besuchsrecht konnte er all die Jahre voll auskosten, sodass er ein sehr gutes und inniges Verhältnis zu seinem Sohn hatte. Bis zu dem Wochenende als er ihr von seiner neuen Beziehung berichtete. Das Besuchsrecht wurde ihm vollständig entzogen.
Was sich heutzutage wie eine Horrorgeschichte anhört, war damals gang und gäbe.

Jahre später noch ließ sich der Schauspieler Matthieu Carriére aus Verzweiflung über diese desolate Rechtsprechung an ein Kreuz fesseln um den Missstand öffentlich anzuprangern. Leider ohne Erfolg. Väter blieben weiterhin nahezug rechtlos.

Mathieu Carriére
Protest gegen den Umgang mit Vätern:
Mathieu Carriére 2006

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Wende
Ein Jahr nach der Einschulung kam der Vater zufällig mit dem Klassenlehrer ins Gespräch. Der Lehrer zeigte sich sichtlich erleichtert, endlich etwas loswerden zu können, was ihm seit geraumer Zeit schwer auf der Seele zu lasten schien.
Unter vorgehaltener Hand beschwor der Lehrer ihn irgendwie einzugreifen, sonst würde sein Sohn schweren Schaden nehmen.

Was hatte sich zugetragen?
Der Lehrer führte aus, dass die Mutter tagtäglich vor der Schule wartet, den Jungen in Empfang nahm und den Schulranzen trug, während sie den Jungen nach Hause eskortierte.
„Sie nimmt dem Kind jegliche Möglichkeit soziale Kontakte zu seinen Mitschülern aufzubauen“, erzählte er weiter „Er ist bis heute weder integriert noch wird er von seinen Mitschülern akzeptiert. Letztens wurde er fürchterlich ausgelacht, als er mir vor versammelter Klasse schöne Grüße von meiner Mutter ausrichten ließ, die ihm das Ausschreiben der Ziffer 7 mit Strich in der Mitte weiterhin gestattete, obwohl ich diese Schreibweise der Klasse verboten habe“.
Er gab ihm in diesem Gespräch sehr deutlich zu verstehen, dass sein Sohn große Probleme bekommen würde, sollte die Mutter der Kindes- Entwicklung weiterhin im Wege stehen und fügte hinzu: „Das grenzt schon an Kindesmisshandlung“.

Er sah sein nächtliches Spiegelbild in der Scheibe des Zugabteils, als er auf dem Weg in sein einhundert Kilometer entferntes zu Hause war. Er öffnete die zweite Dose Bier -schon längst konnte er die Zusammentreffen ohne Alkohol nicht mehr bewältigen- während er mit seine Tränen kämpfte.
Was er heute von dem Lehrer erfahren hatte, traf ihn bis ins Mark
So schrecklich es war, er wird nichts dagegen tun können.
Würde er von dem Gespräch erzählen, würde Marlene den Lehrer sofort verklagen und ihm das Besuchsrecht entziehen.
Andererseits konnte er auch nicht zulassen, dass sein Sohn durch seine Mutter derart sozial ausgegrenzt wurde. Nein, er wird aus seinem Herzen keine Mördergrube machen und nicht
zulassen, dass sein Sohn unbeirrt unter den Koordinaten seiner Mutter auf einen Lebensfels zusteuern würde..

Nach reiflicher Überlegung wollte ihm nichts anderes einfallen als ein Frontalangriff . Ab sofort würde er ihr mit offenem Visier begegnen. Schluss mit der Duckmäuserei, dem Schöntun, dem Freundlich sein. Er konnte, er wollte um seines Sohnes Willen nicht mehr nach Ihrer Pfeife tanzen.
Und wenn er damit scheitern würde, würde er das Jugendamt einschalten um eine Verbesserung der Lage erreichen.
Auf alle Fälle aber würde er sich durch Schweigen nicht zum Mittäter machen wollen.

Die Schlacht ist verloren
Die Antwort auf seinen damaligen Frontalangriff lag vor ihm im geöffneten Koffer.
Ein fast zwanzig Jahre altes Gerichtsurteil.
Hierin wurde auf Antrag der Mutter das Besuchsrecht für den Vater von „einmal wöchentlich“ auf „einmal für drei Stunden alle drei Monate“ stattgegeben.

Der Vater hatte zuvor unmissverständlich klar gemacht, ab sofort auf ein wöchentliches Besuchsrecht zu bestehen und keine Ausreden der Mutter mehr zu akzeptieren.
Er habe, so weiter in seiner Argumentation, nicht miterleben dürfen, wie sein Sohn Laufen oder Sprechen gelernt habe, und damit sei jetzt Schluss.
Er würde auch nicht mehr weiter akzeptieren, dass er jedes mal zwischen 13 und 15 Uhr die Wohnung verlassen müsse, nur weil sich Mutter und Sohn „angeblich“ zur Ruhe betteten. Auch möchte er ab sofort auch mit seinem Sohn alleine etwas unternehmen dürfen ohne die permanente Überwachung der Mutter. Ihr unbegründetes und ebenso dämliches Argument, der Vater würde sonst das Kind entführen, würde er sich ab sofort verbitten. Außerdem möchte er, dass sein Sohn ihn zu jederzeit anrufen kann.
Die Reaktion der Mutter fiel gelassen aus, als sie ihm die Tür wies.

Sie beantrage das was sie schon immer angedroht hatte, was permanent bedrohlich wie ein Damoklesschwert über ihm und tausenden anderen Väter hing, eine Reduzierung der Besuchszeiten.
Sie beantrage die Reduktion des Besuchsrecht auf drei Stunden alle drei Monate und das Gericht folgte dem Antrag der Mutter.
So stand es geschrieben in dem Urteil, dass er aus dem Koffer gezogen hatte und in seinen Händen hielt.
Gleich danach folgte ein Schreiben des Jugendamtes, dass es Verständnis für die Bedenken des Vaters habe, aber nichts gegen das Verhalten der Mutter tun könne.

Erst der vollständige Verzicht auf sein Besuchsrecht, der Vater wollte das seinem Sohn nicht antun, sich alle drei Monate in Erinnerung zu rufen, ließ die Mutter einlenken und sie verabredeten ein lockeres Treffen „wann immer es passt“. Wobei auch dies nur ein Floskel war, es ging weiter wie bisher.
Und es wurde noch schlimmer, noch gemeiner.

In den darauffolgenden Jahren stand beim Vater zweimal die Steuerfahndung vor der Tür, gefolgt von einer Vorladung der Polizei. Man hatte Anzeige erstattet wegen Verdacht auf Schwarzgeldkonten in der Schweiz. Bei genauer Durchleuchtung und Betrachtung seiner finanziellen Situation war diese Annahme eindeutig haltlos und willkürlich.
Das erkannten auch die Beamten schnell und gaben dem Vater augenzwinkernd den Tipp, dass Anzeigen von Straftaten ohne konkrete Beweise eine strafbare Handlung seien und er sich dagegen zur Wehr setzen könne.
Diese Mitteilung gab er an die Mutter weiter. Anzeigen, auch anonyme, blieben seither aus.

Die Fotos mit den pornografischen Abbildungen seiner damaligen Freundin ließ er unbeachtet. Sie war stark exhibitionistisch veranlagt und die Polaroidkamera konnte gar nicht so schnell die Fotos auswerfen wie sie sich in immer neue Posen warf. Ja, es waren schöne Zeiten. Sie hatten viel Spaß miteinander. Und er hatte sie wirklich geliebt. Sie war eine schöne, liebenswerte Frau und ihre unbeschwerte Art machte das Leben an ihrer Seite sehr angenehm. Geblieben sind rechteckige Fotografien, hart wie Unterlegscheiben und nur noch zu sehen auf Portalen im Internet
unter „Vintage-Porno-Pics“.
Kinder wie die Zeit vergeht.

Das Ende bahnte sich 2004 an. Der Kontakt immer noch sporadisch und willkürlich von der Mutter verfügt, intensivierte die Beziehung zwischen Vater und Sohn nicht.
Aus dem Koffer zog er die wohl schlimmste aller Notizen, die er jemals verfasst hatte.

Ihm wurde übel und er wusste, dass es jetzt gleich steil bergab in die Tiefen der Seele gehen würde, sobald er diese Zeilen lesen würde:

Italiener > zum Essen eingeladen
M (Marlene/Mutter) und C (Konstantin/Sohn) sitzen mir gegenüber.
C benimmt sich auffallend „männlich“. Wirkt dabei ungelenk, übertrieben blöd.
Spricht mit mir als sei ich sein Kumpel.
Legt Arm um M. Beide wirken wie ein Paar.
K greift mit linker Hand an linke Brust von M und schaut mich dabei an.
M spielt entrüstet.

Er erinnerte sich an die Situation als sei sie gestern gewesen. Ihm war übel geworden und unter dem Vorwand kurz telefonieren zu müssen, verließ er das Restaurant. Draußen war er um Fassung bemüht und versuchte den Verdacht, den diese Szenerie hatte aufkommen lassen zu unterdrücken. So etwas schmutziges. Nein, er musste sich verbieten diese Vermutung, die sich ihm schmerzhaft aufdrängte, gedanklich weiter zu verfolgen, sonst würde er verrückt werden.
Er musste sich einreden, dass er sich das nur eingebildet hat. Sein dreizehnjähriger Sohn hält seine Mutter im Arm und greift ihr an den Busen während er seinem Vater direkt in die Augen schaut, das war Zufall. Kindergetue. Nichts weiter.
Und genau diesen Gedanken presste er mit aller Macht in sich hinein und musste dabei an die unfreiwillige Fütterung polnischer Weihnachtsgänse denken.

Das letzte Treffen fand einig Zeit später statt. Wann genau das gewesen war, wusste er nicht mehr. Jedenfalls saßen er und sein Sohn bei McDonald, S-Bahn Hoheluft. Ein zwangloses Gespräch wollte auch dieses mal nicht zustande kommen. Fast zwanghaft blickte sein Sohn auf das Handy um bloß keine Nachricht der Mutter zu verpassen.
Um Fassung bemüht fragt er seinen Sohn schließlich, ob es ihm keinen Spaß machen würde mit Papa und ob er lieber Zuhause bei Mama wäre. Konstantin antwortete, er wäre lieber bei Mama.

An der Wohnungstür angekommen beugte er sich hinunter zu seinem Sohn und sagte ihm, „Wenn Du mich sehen willst, ruf mich einfach an“, küsste ihn auf die Wange und ging.
In 14 Jahren kam kein Anruf.

Hass ist ein Feuer das niemals erlischt

Und nun 14 Jahre später, der Sohn mittlerweile 27 Jahre alt, schrieb die Mutter eine Mail in der sie von vorsichtiger Familienzusammenführung sprach und fragte ob er sich dass vorstellen könne.

Das Wiedersehen
Der Morgen brach herein und macht die nächtliche Beleuchtung bereits überflüssig als er, die Arme auf dem Fensterbrett verschränkt, das leichte Schwanken der Bäume beobachtete und das nach allen Seiten hin rotierende Astwerk. Er war stark angetrunken. Noch immer liefen Tränen links und rechts des Mundwinkels steil nach unten und tropften auf sein Ärmel.
“Was immer geschehen sein mag”, murmelte er vor sich hin, ” Eine ausgestreckte Hand weist Du nicht zurück!”.

Unter der Voraussetzung, dass die Vergangenheit außen vor bleibt und gegenseitig die Fehler im Umgang miteinander eingestanden werden und es zu einer ehrlichen Entschuldigung kommt, von beiden Seiten, konnte er sich einen neuerlichen Kontakt vorstellen. Dabei würde sich der Kontakt mehr auf den Sohn konzentrieren. Weniger bis gar nicht auf die Mutter. Verzeihen, dazu war er bereit, aber nicht zu vergeben.

Sie verabredeten sich auf einem Parkplatz. Marlene erwartete ihn….

Teil 2 folgt in Kürze