Ich hatte Männerschnupfen

Männerschnupfen verhält sich zum Schnupfen einer Frau wie eine tosende Feuersbrunst zu einem gemütlichen Kaminfeuer: er ist aggressiver, intensiver, schmerzhafter und selten frei von Komplikationen, die, je nach Art und Schwere, auch zum Tode führen kann.

Unvergessen ist die Schlussszene in dem Film „Dr. Schiwago”, in der Doc, wild mit den Armen fuchtelnd, neben der Straßenbahn herlief, um auf sich aufmerksam zu machen. Es war vergebens. Nach kurzer Distanz brach er tot zusammen. Sein Schnupfen hatte bereits sein Herz angegriffen.

Am Samstagmittag bemerkte ich die ersten Symptome: Die Luft beim Einatmen traf nicht mehr auf feuchte und intakte Schleimhäute, sondern auf „tief zerfurchtes, ausgetrocknetes Gewebe. Auch die Schleimhaut im Mund, oben am Gaumensegel, fühlte sich trocken an und begann zu kratzen.

Derart von Viren und Bakterienstämmen befallen, tat ich das einzig Richtige; ich legte mich sofort ins Bett. Zuvor hatte ich noch schnell die Wohnung gereinigt und meinen Pyjama gewechselt. Fremde Menschen in meiner Wohnung -Feuerwehr, Notarzt-, sollen einen guten Eindruck erhalten.

Im abgedunkelten Raum lauschte ich in die Nacht hinein. Trilliarden der bösartigsten Viren begannen ihr Werk. Meine Nasenschleimhaut schwoll an, sodass ich kaum Luft mehr bekam. Gleichzeitig überzog zähes Virensekret meine Halsschleimhäute. Schluckbeschwerden stellten sich ein, mit der Folge, dass ich weder essen noch trinken konnte. Auch Fernsehen war unmöglich. In der stabilen Seitenlage wollte sich kein Blickkontakt herstellen lassen.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte -ich muss in der Nacht das Bewusstsein verloren haben- war mir sehr warm.
„Jetzt nicht auch noch Fieber”, dachte ich, während ich mein Bettzeug und diverse Wolldecken beiseite stemmte.

„Wenn Fieber über 41 Grad ansteigt, zerstört es die weißen Blutkörperchen und ich bin geliefert”, schoss es mir durch den Kopf. Gefolgt von einem zweiten, weitaus schlimmeren Gedanken: Erst vor kurzem kam eine Tangotänzerin aus Afrika zurück. Was, wenn sie mich mit dem gefürchteten Canyengue-Fieber angesteckt hatte, mit Ebola, Fadenwürmern etc?  Stellte ich bereits eine potentielle Gefahr für meine Mitmenschen dar? Ich rief umgehend bei ihr an. Nichts. Das Handy war tot. Panik machte sich breit. Was, wenn ich eine Epidemie auslösen würde; tausende Hamburger würden sterben. Männer, Frauen, Kinder. Nicht auszudenken.
Ich musste meinen Fall der Medizin vorstellen.

Gefasst stieg ich die Stufen des Tropeninstitutes empor.

Ein vertrauenserweckender und hoffentlich auch kompetenter Arzt saß mir gegenüber und hörte sich aufmerksam meine Krankenvorgeschichte an. Zu Ende gekommen, verweilte sein Blick lange auf mir. „Oh Gott”, dachte ich. „Ist es wirklich so schlimm, dass ihm die richtigen Worte nicht einfallen wollten?” Gleich wird er zum Telefon greifen und mit ruhiger Stimme so etwas ähnliches sagen wie „Schwester, ich habe hier ein Fünfhundertvierzehn ( internes Kürzel für „Schwersterkrankte“ ), bereiten Sie die Quarantänestation vor und benachrichtigen Sie die Presse. Bitte beeilen Sie sich.”
Aber er tat nichts dergleichen. Er atmete langsam und hörbar aus und sagte nur: „Sie haben eine Erkältung, mehr nicht.”

Ich schüttelte fassungslos den Kopf. Nun bin ich Opfer einer Fehldiagnose, hörte ich meine Stimme warnend, ganz tief in meinem Inneren sagen. Getötet durch einen hoffnungslos überforderten Stümper, der sich Arzt nennt, ohne jegliche Erfahrung. Der so jung ist, dass er bereits im Alter von 12 Jahren sein Abitur gemacht haben muss. Dieser „Milchbart“ wird mich zu Fall bringen.

Niedergeschlagen, den Tränen nahe, legte ich mich zu Hause nieder. In der Gewissheit den nächsten Morgen nicht mehr zu erleben, überprüfte ich mein Testament, schrieb einen letzten Brief an die Hinterbliebenen, ließ mein Leben Revue passieren bis 20.15 Uhr. Da begann auf ARTE der Film “Spiel mir das Lied vom Tod”.

In der Nacht bekam ich erwartungsgemäß heftiges Fieber, Schüttelfrost.
Am nächsten Morgen war alles vorbei. Die Vögel zwitscherten fröhlich vor sich hin, wie auch ich pfeifend, mit einem Lied auf den Lippen das Badezimmer betrat, um diesen geschwächten Körper zu reinigen, der soeben dem Tod von der Schippe gesprungen war.

Gefährlicher Männerschnupfen

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