Marie und Pierre

5. November 2020
Christian

Das soll heute ein ganz besonderer Abend werden. Mit diesem Gedanken und einem zufriedenen Lächeln auf dem Gesicht betraten Marie und ihr Ehemann früh morgens den Marktplatz um alles frisch einzukaufen für das große Fest, das in wenigen Stunden beginnen sollte und zu dem sie alle Freunde und viele Nachbarn eingeladen hatten.

Marie ist Deutsche. Ihr Mann Pierre Franzose. Beide sind Mitte Fünfzig. Genau heute vor einem Jahr hatten sie Deutschland verlassen um hier zu leben und zu arbeiten.
Das weißgetünchte Haus mit seinem tiefhängendem, grauem Schilfdach und den hellblauen Fensterläden aus altem rissigem Holz liegt am Stadtrand von Saintes-Maries-de-la-Mer, einem Städtchen an der französischen Südküste.

Die Einkäufe waren erledigt und in die Küche verbracht. Marie und Pierre schauten sich ratlos an.
Es gab keine Arbeitsfläche mehr um die Speisen zuzubereiten. Jeder Quadratzentimeter war mit mindestens einem Stück Lebensmittel belegt.
Neben dem Waschbecken auf der drei Meter langen Arbeitsplatte türmten sich allerlei Gemüsesorten gefolgt von Tüten voller Obst. Am äußersten Ende Kuchenplatten und in der Ecke stehend ein baumdickes geschnürtes Bündel Baguettes.
In der Mitte des Raumes, der große Küchentisch. Zweckentfremdet als Frischfleischtheke lagen tot nebeneinander Stücke von Rind, Schwein, Lamm, gefolgt von Huhn, Ente, Taube und ein weiteres Stück undefinierbaren Fleisches. Diverse Wurststapel am Rande des Tisches bildeten das Ende.
Hinter dem Küchentisch, auf dem Küchenbuffet, Käse in jeder erdenklichen Form und Geschmacksrichtung. Daneben in Kisten hochgestapelt, Rotwein.
Weißwein, Rose, Mineralwasser, bereits einen Tag zuvor angeliefert, an der Wand neben der Küchentür.

Beide arbeiteten konzentriert und schweigsam an den Fressalien.
Pierre hatte die Getränke kalt gestellt und kümmerte sich gerade um den Grill, draußen auf der Terrasse als ungewohnte Laute aus der Küche zu hören waren.
„Merde. Merde. Mist. Piäääääääaaaaa?“.
Pierre rannte in die Küche und sah seine Frau verzweifelt aufglöst. Bemerkte aber auch diesen Welpenblick, dem man nichts abschlagen konnte.
„Schaaaatz, ich hab´ die Schnecken vergessen“.


Sie schaute ihm nach, wie er mit ausladenden Schritten den Pfad hinunter zum Strand ging um in den Wiesen nach Schnecken zu suchen. Obwohl „suchen“ nicht das passende Wort war. Einsammeln traf die Sache besser, denn die Sandschnecken verstecken sich nicht tief im Gras, wie man bei dieser Hitze annehmen könnte, sondern sie kleben zu Dutzenden oben an den Spitzen starker Pflanzenstängel oder an Zaunpfählen, weit sichtbar für jedermann.
Man sollte meinen, derart ungeschützt der Sonne ausgeliefert, würden sie innerhalb kürzester Zeit in ihren Gehäusen verkochen. Aber weit gefehlt. Diese Schneckenart trotz der Hitze wie keine andere Art.

Es dauerte daher nicht allzu lange bis er den Eimer zu zweidrittel mit Schnecken gefüllt hatte und so entschloss er sich hinunter zum Strand zu gehen um im Meer zu schwimmen.

Zurück aus dem kühlen erfrischenden Nass, in dem Moment als er sein T-Shirt über den mit glitzernden Wasserperlen übersäten Körper ziehen wollte, kam ein Mann zielstrebig auf ihn zu gelaufen.

„Pierre?. Pierre Gasly?“.
Er erkannte seinen besten Schulfreund sofort, seinen Lieblings-Kommilitonen auf der Uni.
„Henry“, rief Pierre begeistert.

Welch unglaublicher Zufall. Hier am coronabedingten menschenleeren Strand begegnet er seinem alten Schulfreund den er seit über 20 Jahren weder gesehen noch gesprochen hatte.
Was für ein Zufall.
Nach der überschwänglichen Begrüßung mussten selbstverständlich Geschichten ausgetauscht werden solange noch Zeit war. Henry musste nämlich in einigen Stunden in Montpellier sein und konnte daher an dem heutigen Fest nicht teilnehmen. Also beschlossen beide die Strandbar aufzusuchen. Pierre lag weiterhin gut in der Zeit und lange würde es ja nicht dauern.

Erinnerungen wurden ausgetauscht, an die Schulzeit, das Studium; an gemeinsame Reisen; an Liebschaften. Von ihren Frauen wurde erzählt, von der Arbeit, von Schicksalsschlägen.
Erst als Henry auf den blauen Plastikeimer wies, aus dem eine Schnecke einen Fluchtversuch wagte, bemerkte Pierre dass mittlerweile über zwei Stunden vergangen waren und Marie händeringend auf ihn wartete, oder auf die Schnecken. Oder auf Beides.
Flugs wurden Telefonnummern getauscht und Pierre machte sich in der einsetzenden Dämmerung auf den Nachhauseweg in der Gewissheit in Kürze die Hauptfigur in einer sehr unschönen Szene zu sein.

Während er schuldbewusst, mit schnellen Schritten heimwärts durch den Sand stapfte, suchte er für einen kurzen Moment nach einer fulminanten Ausrede, die Marie`s Zorn schlagartig besänftigen würde. Er gab das Vorhaben aber schnell wieder auf in dem Wissen, noch nie gut im Ausredenerfinden gewesen zu sein.

Mittlerweile hatte er den Strand hinter sich gelassen und eilte den sandigen Pfad hinauf zu seinem Haus.
Von Weitem schon sah er die Lichter und hörte Fetzen von Tangomusik herüberwehen.
Da hatte er plötzlich eine Idee wie er sein stundenlanges Ausbleiben „erklären“ konnte.

Er schlich in einen Bogen um das Haus herum, um nicht vorzeitig von den Gästen gesehen zu werden die bereits gut gelaunt die Terrasse und den Garten in Beschlag genommen hatten.
An der Vorderseite angekommen, rüttelte er die Schnecken behutsam in einer geraden Linie aus dem Eimer hinaus auf den sandigen Untergrund, bis wenige Meter vor die Haustür, dann versteckte er den Kübel geschwind hinter einem Gebüsch und klingelte.
Im selben Moment in dem Marie die Tür öffnete beugte er sich hinab zur Schneckenkollone und feuerte sie lautstark an: „ Gut gemacht Jungs. Kommt. Kommt. Noch ein kleines Stück und ihr habt es geschafft.“.