Marie und Pierre

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Das soll heute ein ganz besonderer Abend werden. Mit diesem Gedanken und einem zufriedenen Lächeln auf dem Gesicht näherte sich Marie früh morgens dem Dorfplatz, auf dem zahlreichen Händler der Region ihre frische Ware zum Kauf anpriesen. Gleich am Anfang war ein großer Stand mit Lavendelprodukten aufgebaut: Lavendelsträuße, Lavendelkissen, Lavendel-Öl, -Seife, -Creme, -Badezusatz. Lavendeltee, Lavendelbutter. Das Angebot schien unermesslich zu sein und der Duft betörend. Marie lüftete unbewusst ihr Dekolleté anscheinend mit dem Ziel, so viele Duftpartikel aufnehmen zu können wie nur irgend möglich.

Abgelöst wurde dieser bezaubernde Duft durch die kräftigen Aromen frischen Gemüses, Obst und Backwaren.
Es dauerte zwei Stunden, bis Marie alle Zutaten für das abendliche Fest beisammen hatte.
Schwer mit Einkäufen beladen hielt sie etwas abseits inne. Zwischen zwei Ständen schloss sie für einen kurzen Moment die Augen. Und während sie dem Stimmengewirr lauschte und den betörenden Duft der Natur tief einatmete, fühlte sie Glück, fühlte sie Heimat, fühlte sie Liebe.

Marie ist Deutsche mit südfranzösischen Wurzeln, wovon ihre schwarzen Glutaugen und ihr ebenso schwarzen Haar Zeugnis trugen. Die dünnen grauen Strähnchen am Haaransatz ließen vermuten, dass sie die Fünfzig bereits überschritten hatte.
Zusammen mit ihrem Mann Pierre, einem waschechten Franzosen, groß gewachsen, mit schwarze kurze Haare mit weißen Schläfen und einem alles entwaffnenden Lächeln ausgestattet, hatte sie genau heute vor einem Jahr ein Haus am Rande von Saintes-Maries-de-la-Mer bezogen, einer kleinen Stadt im Süden Frankreichs. Und dieses Datum würden sie heute feiern.

In Deutschland hatten beide in Frankfurt/Main gewohnt und dort als Journalistin und Webentwickler gearbeitet. Als beide die Fünfzig überschritten hatten, konkretisierten sie den lang gehegten Wunsch, nach Südfrankreich zu ziehen, um dort fortan zu leben und zu arbeiten, genau in dieser Reihenfolge. Drei Jahre später war es so weit gewesen.

Der Rückweg war anstrengend. Durch das Gewicht der Einkäufe taten ihr die Arme weh und bald auch die Beine. Hätte sie doch nur Pierre mitgenommen. Sie atmete auf, als von Weitem ihr neues Zuhause zu sehen war.
Das Haus mit seinen weiß getünchten Wänden, dem tief hängenden grauen Schilfdach und den hellblauen Fensterläden aus altem, spröden und rissigen Holz stand am Ende der Stadt ganz allein für sich. Aus der Luft betrachtet würde man die schmale Zufahrt zum Hauseingang an der Vorderseite erkennen, ebenso den dünnen Pfad auf der Rückseite, der sich durch die Wiesen bis hinunter zum Strand schlängelt und erst hier den Blick auf die Weite des Meeres freigibt.



Die kleine Küche wirkte mit den Einkäufen überladen, hatte aber seine Ordnung. Auf der drei Meter langen Arbeitsplatte aus massivem Kirschholz hatte Marie gleich neben dem Waschbecken sämtliche Gemüsesorten gelagert, das Obst und am Ende der Platte hochkant an die Wand das Bündel Baguettes gestellt.
Parallel zur Arbeitsplatte stand der große Holztisch mitten im Raum.
Zweckentfremdet als Frischfleischtheke lagen friedlich nebeneinander Teile von Schwein, Rind, Lamm, Huhn und Ente. Das Ende bildeten kleine Haufen verschiedenster Wurstsorten.
Auf der kleinen Kommode hoch aufgetürmt Käse in jeder erdenklichen Geschmacksrichtung.
Hinter der Tür gestapelt, das angelieferte Mineralwasser, Rose und Weißwein. Auf dem Küchenbuffet die lange Reihe Flaschen erlesener Rotweine.

Zufrieden stand Marie in der Küche und ließ ihren Blick über all die Köstlichkeiten schweifen. Alles ist bisher perfekt gelaufen. Nun war es an der Zeit, die Speisen vorzubereiten: Es musste geschält, gekocht, gebraten werden.
Sie rief Pierre und beide machten sich vergnüglich an die Arbeit.
Sie lagen gut in der Zeit. Es war etwa 15 Uhr. Alles würde fertig sein, bevor die ersten Gäste eintreffen würden.
Marie wendete soeben die Hähnchenbrüste in Mehl, als sie plötzlich innehielt. Sie stütze beide Arme auf die Tischplatte, ließ den Kopf erschöpft hängen, als sie sagte: „Schatz, ich Eselin habe die Schnecken vergessen. Sei so lieb und hole uns welche unten von den Wiesen“.



Sie saß auf der Terrasse und schaute ihm nach, diesem „Arrangement en blue“: blaues T-Shirt, blaue Jeans, blauen Flip Flops, blauer Plastikeimer, wie er den schmalen Pfad hinunter schlenderte zu den Wiesen, um nach Schnecken zu suchen.
Obwohl „suchen“ nicht das passende Wort war. Einsammeln traf die Sache besser, denn die Sandschnecken versteckten sich weder im Gras noch tief im Sand, wie man bei dieser Hitze annehmen könnte. Sie kleben zu Dutzenden oben an den Spitzen starker Pflanzenstängel oder an Zaunpfählen, weit sichtbar für jedermann. Man sollte meinen, derart ungeschützt der Sonne ausgeliefert, würden sie innerhalb kürzester Zeit in ihren Gehäusen verkochen. Aber weit gefehlt. Diese Schneckenart trotzt der Hitze wie keine andere Art.

Es dauerte vielleicht eine Stunde, bis Pierre den Eimer zu zweidrittel mit den kleinen Schleimern gefüllt hatte. Marie war mit den Vorbereitungen bestimmt schon fertig und hatte sich etwas hingelegt. Also entschloss sich Pierre, noch ein wenig im Meer schwimmen zu gehen.

Das kühle Nass hatte ihm gutgetan. Er stellte sich in den Wind, um seine Haut trocknen zu lassen, als aus der Ferne Lounge-Music herüberwehte.
Es kam von der Strandbar die Michelle, ein ehemaliger Lehrer, vor zwei Jahren eröffnet hatte und die die Einzige weit und breit war.
Die Uhr zeigte 17 Uhr. Marie würde noch schlafen und die erste Gäste würden nicht vor 19 Uhr eintreffen. Es war also noch genügend Zeit für einen der besten Früchtecocktails, der ca. 300 Meter entfernt von Meisterhand gemixt wurde.

Es waren nur wenige Gäste anwesend. Und in dem Moment, als sich Pierre an den Tresen setzen wollte, drehte sich ein weiterer Gast um und er sah in das Gesicht seines besten Schulfreundes und späteren Lieblingskommilitonen Gérard.
Welch Überraschung. Welch große Freude.
Über zwanzig Jahre hatten sie sich nicht mehr gesehen und treffen sich ausgerechnet in einer abgelegenen Strandbar wieder. Was für ein Zufall.
Natürlich müssen zwanzig Jahre besprochen werden: Das Berufliche. Das Liebesleben. Das Familiäre. Schicksalsschläge.
Längst wurde der Früchtecocktail abgelöst durch Pastis. Durch viele Pastis.

Erst als Gérard auf den Eimer mit den Schnecken zeigte, um zu ergründen, was es damit auf sich habe, fiel Pierre seine Mission wieder ein, wegen der er ausgezogen war. Die Uhr zeigte 19 Uhr. Gérard konnte zur Feier leider nicht mitkommen, so wurden flugs Telefonnummern getauscht.
Pierre trat eiligen Schrittes den Nachhauseweg an in der Gewissheit, dass er in Kürze die Hauptfigur in einer sehr unschönen Szene sein würde. Die Dämmerung hatte bereits eingesetzt.

Während das „Arrangement en blue“ schuldbewusst heimwärts durch den Sand stapfte, suchte er für einen kurzen Moment nach einer fulminanten Ausrede, die Maries Zorn schlagartig besänftigen würde. Er gab das Vorhaben aber schnell wieder auf, in dem Wissen, noch nie gut im Ausredenerfinden gewesen zu sein.

Es war bereits dunkel, als er den Strand hinter sich gelassen hatte und völlig aus der Puste den schmalen Pfad hinauf zu seinem Haus hechelte. Von Weitem sah er die Gäste auf der Terrasse stehen und hörte Fetzen von Tangomusik herüberwehen.
Da hatte er plötzlich eine Idee, wie er seine stundenlange Verspätung „begründen“ könnte.

Er schlich zur Vorderseite des Hauses. Dort angekommen rüttelte er die Schnecken behutsam in einer geraden Linie aus dem Eimer, bis vor die Haustür, versteckte den Kübel hinter einem Strauch und klingelte erst, als die kleinen glänzenden Schleimer aus ihrem Schneckenhaus hinaus in Richtung Licht krochen.

Als Marie die Tür öffnete, durchschaute sie das Spiel sofort und musste lauthals lachen.
Versucht der Kerl doch tatsächlich ihr Glauben zu machen, seine Verspätung sei dem
stundenlangen Marsch dieser Schnecken-Kolonne geschuldet.
Was für ein süßer Bengel.