ORKAS IM MITTELMEER

  • Beitrags-Autor:

Heiner, ein 19-jähriger Student aus Wuppertal, schlug sein Zelt nur wenige Meter vom Strand entfernt auf.

In diesem Jahr wollte er seinen Urlaub auf Kreta verbringen. Nicht im Hotel oder einer Ferienwohnung, sondern in einem Zelt, mitten in freier Natur. Nur Sonne, Strand und Meer genießen, das war sein Ziel.

Fertig eingerichtet öffnete er in der Abenddämmerung die erste Lunch-Box bei offenem Feuer.
Er hielt es für angemessen und schicklich die erste Mahlzeit landesüblich zuzubereiten. Er grillte griechische Grillen (aus der Plastiktüte) in griechischem Olivenöl mit viel griechischem Knoblauch. Den zweiten Gang entnahm er einer Dose Ravioli (REWE) und als Nachtisch Kekse. Dazu genehmigte er sich ab und an ein kleines Schlückchen aus der Rotweinflasche, woraus nach dem Essen sehr viele kleine Schlucke wurden, während er das nächtliche Meeresrauschen ausgiebig genoss.

Sturzbetrunken und bestens gelaunt krabbelte er Stunden später in sein Zelt und freute sich auf den nächsten Tag.

Um Mitternacht hörte er ein Geräusch. Er öffnete den Reißverschluss des Zelteinganges und sah in das riesige Maul eines Orkas. Im selben Moment katapultierte der riesige Körper des Killerwals nach vorne und packte ihn mit samt dem Zelt.

Es wurde stockdunkel. Kaltes Wasser gurgelte strömend von allen Seiten auf ihn ein. Ein übelriechender Fischgeruch stieg in seine Nase und dann wurde es still. Sein Brustkorb schmerzte und er spürte, dass es in die Tiefe ging.

Die Medien berichteten vor langer Zeit über eine Orka-Familie im Süden Kretas, die sich darauf spezialisiert hatte, kleine Zelte am Strand zu verschlingen in der Gewissheit, darin immer etwas Fressbares zu finden. Zum Beispiel Menschen. Und wenn die mal nicht „zu Hause“ waren, dann begnügten sie sich mit den Vorräten an Lebensmitteln, wie z.B. Kekse oder Ravioli.

Jetzt kämpfte er um sein Leben, das war ihm bewusst. Instinktiv stemmte er Arme und Beine tief in die Wangen der Bestie, während das Zelt samt Vorräte und Rucksack an ihm vorbei, ganz hinten im Schlund verschwanden.
Das mächtige Schlucken und Würgen versetzte ihn in Panik.

Orkas im Mittelmeer

Seine Spreiz-Haltung, auch als Rhönrad-Haltung bekannt, hatte Erfolg. Der riesige Fisch tauchte auf und spuckte ihn mit einem mächtigen Schwenk seines Kopfes zurück auf den Strand.

Mit einem lauten Schrei sprang er auf und stieß sich den Kopf an der Zeltstange.

Schweißgebadet erwachte er aus dem Traum. Der feste Boden und das Rauschen des Meeres beruhigten ihn schnell wieder und er fasste den Vorsatz, sich nie wieder in Strandnähe zu betrinken, solange er nicht den Film „Der weiße Hai“ gänzlich verarbeitet hat.

Vorsorglich gab er seinen Vorsatz auf, in einem Zelt am Strand seinen Urlaub zu verbringen und hat sich stattdessen eine Ferienwohnung gemietet. Oberhalb von Plakias, in sicherer Entfernung zum Meer.

Als er eines Abends den Sonnenuntergang auf seiner Terrasse genoss, überkam ihn die Frage: „Gibt es eigentlich Bären auf Kreta?“