Phobie besiegt?

23. Juni 2019
Christian

Seine Kolleginnen und Kollegen in der Firma, seine Freunde, seine Familie, alle wünschten ihm „Gutes Gelingen“ bei seinem Vorhaben, die Phobie vor tiefen Gewässern endlich zu überwinden.
Seit er in Jugendjahren „Der weiße Hai“ gesehen hatte, wuchs diese Angst kontinuierlich. Mittlerweile war ihm sogar das Baden im heimischen See nicht mehr möglich, sehr zur Belustigung seines Freundeskreises.

Der Flug über das offene Meer bereitete ihm großes Unbehagen und so war er froh, als die Maschine endlich in Heraklion landete.

Mit seinem Apartment am Ortsausgang von Plakias war er überaus zufrieden. Die letzten drei Tage verbrachte er viel Zeit am Strand „Souda Bay“. Er beobachtete die Wellen, die sich seicht im Ufersand verloren und die fröhlichen und sorglosen Menschen rings um ihn herum.
Das Wasser war klar und er ziemlich sicher, dass man einen herannahenden Hai rechtzeitig entdecken würde. Aber hier gibt es ja keine Haie, ermahnte er sich und wischte den Gedanken lächelnd weg.
Morgen nun wollte er endlich den Versuch wagen und die Angst vor tiefen Wassern besiegen.

Phobie besiegt

Die meisten Urlauber saßen noch beim Frühstück, als ein hochgewachsener blasser Mann mit dünnen, spärlich behaarten Beinen, dickem Bauch und Halbglatze am Ufer auf das Meer hinaus blickte.
Bekleidet mit einer in die Jahre gekommenen Badehose, nagelneuen neonfarbenen Badeschuhen und Taucherbrille mit Schnorchel, war er bereit für das Wagnis.

In diesem Outfit stakste er mit großen Schritten durch das kalte Nass, den Horizont fest im Blick. Nach wenigen Metern verlangsamte er das Tempo, bis er schließlich zum Stehen kam und sich auf den Meeresboden setzte. Sanft rollten die Wellen über seine Oberschenkel hinauf zum Bauchnabel. Er begann Meerwasser auf seine Brust zu scheffeln und legte sich der Länge nach hin. In diesem Moment fühlte er sich eins mit dem nassen Element. Übermannt von Glücksgefühlen wagte er sogleich mehrere Todesrollen hintereinander, so wie es Krokodile taten, um Fleischstücke aus ihrer Beute zu lösen. Danach stand er auf und ging zurück zum Strand.
Die Kinder um ihn herum staunten nicht schlecht.