Schubladendenken

12. März 2019
Christian

Tangotanzen macht schön.

Es war ein wunderschöner Abend im Berliner Tangoszene Treff, den ich immer aufsuchte, sobald mich meine Wege in die Hauptstadt führten.

Entspannt lehnte ich an der Bar, weil zufrieden mit mir selbst und der Atmosphäre die sich mir bot, mit all den eng umschlungenen Paaren, die sich rhythmisch zur Musik auf hochwertigem Parkettboden bewegten. Zu meinem Wohlbefinden trug von Zeit zu Zeit das Lächeln vorbeitanzender Frauen bei.

Alles war gut. Alles war schön. Aber wie immer im Leben haben auch solche Momente ein Ende.
Das Ende steuerte, kaum dass die Cortina eingesetzt hatte, vom gegenüberliegendem Rand der Tanzfläche direkt auf mich zu.
Ein großes, mächtiges Ende:

190 cm groß, mindestens. Doppelt so breit wie ich und ——massig. Typ kasachische Sumo-Ringerin, ukrainische Armee-Hebamme. „Diese Frau zerreißt Eisbären zum Frühstück“, lächelte ich in mich hinein, amüsiert über meinen eigenen Witz, bis ich bemerkte, dass sie mich fest in ihrem Blick hatte und mit ausladenden Hüftbewegungen, die einen Tsunami hätten auslösen können, gemächlichen Schrittes auf mich zusteuerte.

Panik ergriff mich. Mein Kopf dachte an Flucht, meine Beine nicht.
Von wegen Tangotanzen macht schön. Das mag auf einige zutreffen, jawohl.
Aber nicht auf das, was sich auf mich zubewegte.
Vielleicht ist es noch Zeit ihr zuzurufen:
„Vergiss Tango. Geh weg und iss Döner, Döner macht schöner.
Nicht kranker, nur schlanker!“. Lieber Tangogott bitte, bitte, lass` diesen Kelch ……..“Es gibt keinen Tangogott!

Nach meiner Erinnerung verstummte jegliches Geräusch im Saale genau in dem Moment, in dem sie breitbeinig vor mir stand, den Kopf leicht zur Seite neigte und mit erhobenem Kinn fragte: „TANZEN?“

Niemand von den Umstehenden schien sich zu bewegen. Alle starrten auf mich.
„So also fühlt sich ein Wasserschwein, wenn es einer Anaconda gegenübersteht in den feuchten Niederungen Patagoniens“, dachte ich so bei mir, räusperte mich unschicklich, nickte freundlich und antwortete derart verlogen, dass es mir selber peinlich war, mit „Gerne doch“.

Ich, der es gewohnt war, Tangueras der Konfektionsgrößen 36, 38, 40, vereinzelt auch 42 in den Armen zu halten, wobei mein rechter Arm immer den Rücken der Dame in Gänze umfasste, hatte ich es nun mit einer Konfektionsgröße von 60 zu tun.

Meine Umarmung endete dieses Mal mit der Hand unterhalb ihres linken Schulterblattes.

Der Tanz begann.
Bereits nach den ersten Schritten war ich verwundert, dann überrascht, später entzückt.
In meinen Armen bewegte sich eine Tanguera mit einer derartigen Leichtigkeit, dass es mir schlichtweg die Sprache verschlug. Jeder kleinsten filigranen Führung folgte sie problemlos. Sogar den Rückwärtsschritt in der Moulinette führte sie derart exakt aus, dass wir in dem Rechteck blieben, dass für die weitere Führung so wichtig ist.

Sehr oft tanzen Frauen, auch die mit den mir vertrauten Konfektionsgrößen, den Rückwärtsschritt fehlerhaft, sei es aus einer Unkenntnis, Bequemlichkeit oder Hüftsteifigkeit heraus. Sie drehen nicht im 90 Grad-Winkel, sodass sie wieder vor dem Führenden zum Stehen kommen, sondern beenden die Drehung eher in einem 45 Grad-Winkel, wobei zwangsläufig aus dem Rechteck eine Elliypse entsteht.
Hier war es nicht so, was den Tanz um einiges bereicherte.

Das Tanzen machte uns derart viel Spaß, dass uns die zahlreichen Unterbrechungen durch Cortinas eher störten.

Es war 2.15 Uhr in der Frühe. In den Räumlichkeiten von „Tangotanzenmachtschön“ sind noch genau drei Personen:
Eine hinterm Tresen und wir zwei auf der Tanzfläche.


Nach einer durchtanzten Nacht trennten sich zwei Tangoseelen mit der Freude einer Verabredung für den nächsten Abend und für mich mit der Erkenntnis, dass Tangotanzen doch schön macht.

Allerdings währte meine Freude nicht lange. Kaum im Auto angelangt, überkam mich eine unbändige Wut. Wut auf mich selbst.

Ich schlug mit beiden Fäusten wieder und wieder auf das Lenkrad und beschimpfte mich dabei mit den übelsten Ausdrücken.
Wie kann es sein, dass ich einen Menschen derart vorverurteilt habe.
Nichts gegen Vorurteile. Vorurteile sind wichtig, uns vor Schaden zu bewahren. Gefährlich werden sie nur dann, wenn man sie trotz neuer Erkenntnisse nicht anpasst, ändert oder schlimmer, wenn man Vorurteile hat, ohne jegliche Erfahrungswerte.

Ich hatte bislang keinerlei Erfahrungswerte mit übergewichtigen Menschen.
Dennoch habe ich mich über diese Frau belustigt, mit der ich eine ganze Nacht lang tanzen sollte.
Das ist überheblich, diskriminierend, einfach nur dämlich.

Am nächsten Abend passte ich sie auf dem Parkplatz vor dem Ballhaus Walzerlinksgestrickt ab. Ich stieg aus dem Wagen, in meinem Arm einen riesigen Strauß bunter Feldblumen. Freudig überrascht bedankte sie sich.
Sie kennt bis heute nicht den Grund.