Social Dancing Encuentro

28. Dezember 2017
Christian

Das Kuckucksei im Tango Nest

Es wurde schon viel über den Tango geschrieben. Dieser mystische Tanz entwickelte sich Ende des 19. Jahrhunderts am Rio de la Plata in Argentinien und Uruguay.
Leidenschaftlich soll er sein, grenzenlos, freiheitsliebend, sehnsuchtsvoll, erotisch.
Encuentro, der in anmaßender Weise als ein neuer Ableger des Tangos angepriesen wird, primär bei den Neueinsteigern, hat von alledem nichts.

Was ist Encuentro?
Encuentro verkörpert ein durch Regeln und Verbote gekennzeichnet Bewegungsmuster, das dem Tango ebenso entliehen ist, wie auch dessen Musik.
Die Encuentroszene ist nicht öffentlich. Zu Encuentroveranstaltungen wird sich diskret in geheimen Foren verabredet, unter Ausschluss der allgemeinen Tangoszene.

social dancing encuentro
Social Dancing Enquentro

Der Tanz
Encuentro wird ausschließlich in
– enger Tanzhaltung getanzt, wobei
– die Füße auf dem Boden zu bleiben haben.
Boleos, Ganchos, Volcadas, Sacadas, Kicks – all das, was der Musikinterpretation im Tango zugute kommt- ist beim Encuentro unerwünscht.
Auch ist streng durch Tanda und Cortina reglementiert
– wie lange ein Tanzpaar miteinander tanzen darf
– und mit wem
Ertönt das Zeichen zur Tanzpause (Cortina) wird erwartet, dass
– die Führenden eine andere Person zur nächsten Tanda auffordern
– Mit dem gleichen Partner ein zweites Mal hintereinander tanzen ist verpönt.
Wünschenswert, und streng beobachtet ist, ein kontinuierlicher Wechsel des Tanzpartners (unvorstellbar im Tango).

Der Begriff „Social Dancing“ ist geboren, der für die Encuentro-Szene stimmig sein mag, für den Tango nicht. Tango hat nichts mit „Social Dancing“ zu tun.

Weiterhin ist durch den Encuentro-Veranstalter geregelt,
– zu welchem Zeitpunkt die „neuen“ Paare
– die Tanzfläche für eine folgende Tanzrunde betreten dürfen und
– an welcher Stelle des Carres der Eintritt zu erfolgen hat.

Und geht es dann endlich los mit dem Tanz,
enge Tanzhaltung ist vorgeschrieben (!), kommt eine weiterer Vorschrift hinzu, nämlich die,
– dass nur kleine Schritte getanzt werden dürfen, wobei -das hatten wir schon- die Füße immer auf dem Boden bleiben müssen.

Für den Veranstalter hat das den Vorteil, dass möglichst viele (zahlende) Tanzpaare auf dem Parkett Platz finden. Für die Tänzer*Innen hat es den Vorteil, dass sie viel zum Tanzen kommen.

Für den Tango speziell hat es den Nachteil, dass zahlreiche sehr talentfreie TänzerInnen Eingang zum Social Dancing finden, bedauerlicherweise nicht in ihren Encuentro-Kreisen verbleiben, sondern sich in Ermangelung fehlender Enquentro-Tanzgelegenheiten unter die „richtige“ Tango-Szene mischen und dort das tänzerische Niveau merklich senken.

Dem bisher aufgezeigten Encuentro-Regelwerk, das dem eines streng geführten Schrebergartenvereins sehr nahe kommt, kennt noch zwei weitere Regeln;
Die erste Regel:
– die der Musik.
Akzeptiert wird nur Tangomusik aus der Epoca de Oro.
Die Tangos aus dieser sehr überschaubaren Zeit werden gnadenlos rauf und runter genudelt, selten von DJ, die ihr Handwerk bestens verstehen, eher öfter von kostengünstigeren, sehr jungen Probanden, sinnsuchend, dem Tanzen kaum mächtig, dafür aber top, was das Downloaden von fertiggestellten Tandas auf YouTube anbelangt.

Die zweite Regel:
– Encuentro-Veranstaltungen sind weder öffentlich noch werden sie öffentlich bekannt gemacht. Mitglieder sind in geheimen Foren organisiert und verabreden heimlich ihre Tanznächte. Die Tango-Szene, der sie sich sonst bedienen, ist unerwünscht, bleibt ausgeschlossen.

Leidenschaftlich soll er sein, grenzenlos, freiheitsliebend, sehnsuchtsvoll und erotisch.
Das ist der wahre Tango. Der Rioplata Tango.

Encuentro hat nichts von alledem und sollte sich aus genau diesem Grunde vom Tango distanzieren, so selbstverständlich wie es die Nuevo-Szene, die Neo-, Electro-Tango-Szene tut: als eigenständige Tanzform.

Encuentro tut genau das nicht. Verfechter, Veranstalter, Lehrer vermitteln in Wort und Bild, dass Encuentro Tango ist. Das ist Encuentro nicht.

Der Tango vom Rio de la Plata ist Weltkulturerbe, ein schützenswertes immaterielles Kulturgut, das es zu erhalten, zu fördern gilt und nicht verwässert werden darf.

Tango: Eine heftige Sehnsucht nach Freiheit.
von Gloria Dinzel (Autor),‎ Rodolfo Dinzel (Autor),‎ Eckart Dietrich (Übersetzer)