Tangotanzen: Die „Eins“ erkennen

3. November 2019
Christian

Dieses Video zeigt eindrucksvoll, wie wichtig es für TänzerInnen ist, den ersten Takt, die „Eins“ zu erkennen, um sie zu tanzen oder auch nicht.

Musikalisch gesehen passiert auf der „Eins“ immer etwas Großes. Wir fühlen, dass hier die Musik beginnt. Die Musik schwillt an, ein Paukenschlag setzt ein oder Gesang. Jetzt führen wir exakt einen Schritt, ein Gancho entlädt sich präzise mit einem Kick, die Führung zur Colgade/Volcada beginnt genau in diesem Augenblick, das Bein im Boleo steht glasklar am höchsten Punkt, sodass ihr Pumps-Absatz direkt über ihr in der Decke stecken bleibt.

Doch Vorsicht, nicht auf allen Milongas sind Ganchos, Volcadas, Colgadas, Boleos etc, gerne gesehen, obwohl sie hervorragend geeignet sind, um Noten sichtbar zu machen.
Hier wird der Tango in ein enges Korsett von Verhaltensregeln gepresst.
Böse Zungen behaupten gar, dass solche Verhaltensregeln eher bei Schrebergartenkolonien oder Schutzhundvereinen zu finden seien, nicht aber beim Tango, dem freiheitsliebenden Tanz?. In Berlin, wie man hört, ist dieser Trend bereits rückläufig.

Zurzeit aber sieht man es in einigen Milongas noch „gerne“,
wenn sich zur Cortina alle von der Tanzfläche entfernen und
zur nächsten Tanda alle mit jemand Neuem tanzen,
wenn zum Tanz mit Mirada (Blickkontakt) und Cabeceo (leichtes Kopfnicken) aufgefordert wird, wenn die Beine am Boden bleiben (no Boleo/Gancho),
wenn keine raumgreifenden Figuren getanzt werden (no Colgada/Volcada) und
wenn die enge Tanzhaltung permanent beibehalten wird,
wenn Musik aus der Épocha de Oro (Musik aus den 30 bis 40ern/vergangenes Jahrhundert) aufgelegt wird (und alle anderen großen Komponisten und Musiker ignoriert werden).
So ist dann auch die Stimmung auf diesen Milongas: Die Tanzpaare auf der Tanzfläche bewegen sich wie geklont, ähnlich Duracell-Hasen auf der Wanderschaft.
Das Auge wird müde, der Rotwein ranzig.
Tango, fettarm und laktosefrei :))