Schubladendenken

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Entspannt lehnte ich an der Bar einer Berliner Szene-Milonga, die ich immer aufsuchte sobald mich meine Wege in die Hauptstadt führten. Zufrieden mit mir selbst und der Atmosphäre die sich mir bot, mit all den eng umschlungenen Paaren, die sich elegant zur Musik auf hochwertigem Parkettboden bewegten.

Zu meinem Wohlbefinden, ich muss es gestehen, trug auch das Lächeln vorbeitanzender Frauen bei, das mir ab und an zugeworfen wurde und meine Zuversicht auf schöne Tänze in dieser Nacht schürte.

Alles war gut. Alles war schön. Aber wie immer im Leben haben auch solche Momente ein Ende.
Das Ende steuerte, kaum dass die Cortina eingesetzt hatte, vom gegenüberliegendem Rand der Tanzfläche direkt auf mich zu.

Ein großes, mächtiges Ende:
190 cm groß, mindestens. Doppelt so breit wie ich und ——massig. Typ kasachische Sumo-Ringerin. „Diese Frau zerreißt Eisbären zum Frühstück“, lächelte ich in mich hinein, amüsiert über meinen eigenen Witz, bis ich bemerkte, dass sie mich fest in ihrem Blick hatte und geradewegs auf mich zusteuerte mit derart ausladenden
Hüftbewegungen, die eine mächtige Flutwelle ausgelöst hätten, würde sie den Fluten entsteigen und nicht zielstrebig über die Tanzfläche auf mich zu halten. 
Panik ergriff mich. Mein Kopf dachte an Flucht, meine Beine wollten bleiben.

Hatte ich nicht irgendwo gelesen “Tangotanzen macht schön”? Das mag auf einige zutreffen, jawohl. Aber nicht auf das, was sich in diesem Moment unaufhaltsam auf mich zu bewegte. Vielleicht ist es noch Zeit ihr zuzurufen: „Vergiss Tango. Geh weg und iss Döner, Döner macht schöner. Nicht kranker, nur schlanker!“. Lieber Tangogott bitte, bitte, lass` diesen Kelch ……. “Es gibt keinen Tangogott! 

Nach meiner Erinnerung verstummte jegliches Geräusch im Saale genau in dem Moment, als sie breitbeinig vor mir stand, den Kopf leicht zur Seite neigte und mit erhobenen Kinn fragte: „Tanzen?“
„So also fühlt sich ein Wasserschwein,  wenn es einer Anakonda gegenübersteht in den feuchten Niederungen Patagoniens“, dachte ich in mich gekehrt, räusperte mich unschicklich, nickte freundlich und antwortete ihr derart verlogen, dass es mir selber peinlich war mit „Gerne doch“.

Ich, der es gewohnt war, Tangueras der Konfektionsgrößen 36, 38, 40, vereinzelt auch 42 in den Armen zu halten, hatte es nun mit einer sehr lebendigen Konfektionsgröße von 60 zu tun.

Wir betraten die Tanzfläche. Um Himmelswillen, jetzt bloß keine Vals-Tanda“, dachte ich flehentlich. Die Tanda begann. VALS.
Die ersten kurzen Schritte, die ersten kleinen vorsichtigen Drehungen. Dann holterdiepolter große Schritte, große Drehung, Verdoppelungen, Boleo, Colgada, enge Tanzhaltung, weite Tanzhaltung, alles an Figuren und Schrittfolgen was das Tänzerherz begehrte.
Wow, welch ein Genuss. Welch ein Genuss.

Die Tanda war vorbei. Schwer atmend standen wir voreinander und schauten uns geradewegs in die Augen (immerhin war sie so groß wie ich). Ihre Haut glänzte und an den Schläfen war ihr Haar durchnässt.

Ich nahm ihre Hand und sagte, dass ich mich eigentlich jetzt nicht setzen wolle. Sie antwortete: „Ich auch nicht“.
Wir setzten uns die nächsten zwei Stunden nicht. Wir nahmen jede Tanda mit und empfanden jede Cortina als störend, unterbrach sie doch unserer tänzerischen Nähe und Verbundenheit. Gott sei Dank wurden an diesem Abend nicht nur Stücke der Época de Oro gespielt, sondern ein breit gefächertes Musikangebot inklusive Pugliese, Piazzolla, Gotan und andere.
In dieser Nacht habe ich nach langer Zeit mal wieder die Magie des Tangos gespürt. Und ich habe mich nicht dagegen gewehrt, als er mich davon getragen hat in Sphären, die ich schon lange nicht mehr erreicht und so sehr vermisst hatte.

Es war 2.15 Uhr in der Frühe. In den Räumlichkeiten von „Tangotanzenmachtschön“ waren noch genau drei Personen anwesend: eine hinterm Tresen und wir zwei auf der Tanzfläche. Zeit zu gehen.

Nach einer durchtanzten Nacht trennten sich zwei Tangoseelen und freuten sich wie Bolle auf die Verabredung für den nächsten Abend. Gut gelaunt dachte ich so bei mir: ” Tangotanzen macht doch schön”.

Allerdings währte meine Freude nicht lange. Kaum am Auto angelangt, verschaffte sich ein Wölkchen Wut schlagartig Luft, dass sich bereits seit einigen Stunden in mir mehr und mehr ausgebreitet hatte. Wut auf mich selbst.
Ich schlug mit beiden Fäusten wieder und wieder auf das Lenkrad und beschimpfte mich dabei mit den übelsten Ausdrücken, denn heute offenbarte sich eine dunkle Seite in mir: Wie kann es sein, dass ich einen Menschen derart vorverurteilt hatte?
Nichts gegen Vorurteile. Vorurteile entstehen aus gemachten Erfahrungen und sind wichtig, uns vor erneutem Schaden zu bewahren. Gefährlich werden sie nur dann, wenn man sie trotz neuer Erkenntnisse nicht anpasst, nicht ändert oder schlimmer, wenn man Vorurteile zulässt ohne jegliche Erfahrungswerte.
Ich hatte bislang keinerlei Erfahrungswerte mit übergewichtigen Tänzerinnen. Dennoch habe ich mich über diese Frau belustigt, mit der ich eine der intensivsten Tanznächte verbringen sollte. Das war überheblich, das war diskriminierend, das war einfach nur dämlich.

Am nächsten Abend passte ich sie auf dem Parkplatz vor dem Ballhaus Walzerlinksgestrickt ab. Ich stieg aus meinem Auto, in meinem Arm einen riesigen Strauß bunter Feldblumen. Freudig überrascht bedankte sie sich.
Sie kennt bis heute nicht den Grund.