IKEA-Schrank frisst Weihnachtsgans

Unterm Weihnachtsbaum die Kerzen brennen (und meine Muskeln auch)

Ich habe es genauso empfunden wie viele andere auch, Weihnachten kam dieses Jahr völlig unerwartet.
Als ob es für Medien wie Radio, TV, Social Media, so schwierig wäre, diese Festzeit ein wenig früher anzukündigen.

Na, jedenfalls kam ich ganz schön in die Bredouille angesichts der Vielzahl an Erledigungen, die ich noch unbedingt vor Weihnachten erledigen wollte.

Gott sei Dank ist eine der wenigen guten Eigenschaften, die mir zu Eigen sind, ein guter Sinn für die richtige Organisation.

So ist es mir nicht schwergefallen am

Mittwoch, den 21. Dez.

Die kross gebratene Bio-Gans mit Rotkohl und Klöße für den 23.12. zu bestellen (Tipp fürs nächste Jahr: Landhaus Scherrer . Unbeschreiblich gut)

Donnerstag, den 22 Dez

in ein mir bekanntes Möbelhaus zu gehen, dessen Name ich hier nicht nennen möchte. Warum sollte ich für ein Multiunternehmen das, zugegeben, eines der am besten organisierten Unternehmen der Welt ist, auch noch kostenlos Werbung machen. Hier wollte ich einen weiteren Kleiderschrank bestellen, in 2 m Länge.

Am hauseigenen Computer konnte ich alles Zubehör bis ins kleinste Detail selber zusammenstellen, per Drop and Down.
Das Ergebnis wurde durch einen freundlichen Mitarbeiter, die sind ja alle freundlich dort bei IKEA, überprüft.
Bis auf die Auswahl der Schiebetüren hatte die Fachkraft nichts an meiner computeranimierten Zusammenstellung auszusetzen. Außer, dass ich zu wenig Regalbretter eingeplant und die bereits ausgewählten unterschiedlichen Farbtöne aufwiesen.
Die Schubladenhöhe wich nur minimal von meiner Planung ab. Aus Kostengründen hatte ich die günstigere Variante gewählt. Die war allerdings nur für Uhren und Schmuck vorgesehen und als Stauraum für Socken gänzlich ungeeignet. Auch reduzierte er die Anzahl der Kleiderstangen minimal von sechs auf zwei. „Oder nutzen Sie den Schrank um ihre Socken aufzuhängen?“, war seine Frage, bei der mir der leicht provozierende Unterton nicht verborgen blieb.

„Und warum wählen Sie anstelle von Spiegeltüren Milchglasscheiben?“, war seine nächste Frage.
Ich gab ihm zur Antwort, dass sich, wenn man die „Achtundfünfzig“ überschritten hat, nur Masochisten sich Spiegeltüren anschaffen würden.
Wie erwartet konnte er aufgrund seines jugendlichen Alters mit meiner Antwort wenig bis nichts anfangen und notierte dementsprechend resigniert „Milchglasscheiben“.
Daher verzichtete ich auch diesem jungen Burschen verständlich zu machen, dass ein alternder Körper nicht unbedingt eine Ode an das blühende Leben ist. Besonders bei Männern.
Wenn die Beine immer dünner werden, der Bauch immer dicker und sich der Hintern gemächlich aber kontinuierlich in zwei weiße schlaffe Hautfalten verwandelt
und sich die Oberschenkel-Haut, ähnlich wie ein Lavastrom, langsam über die Knie schieben und sowieso alles an deinem Körper den Kampf gegen die Gravitation aufgegeben zu haben scheint, kann nur mitreden, wenn er betroffen ist oder wenn er diese Veränderung persönlich in Augenschein nehmen kann.
Und ich hatte nicht vor, vor dem Verkäufer meine Hose herunterzulassen nur, um ihm verständlich zu machen, weshalb ich keine Schiebetüren aus Spiegelglas haben wollte.

Weiterhin behielt ich aus gleichem Grunde eine weitere Erkenntnis für mich, dass im Alter ein Taschenspiegel vollkommen ausreichend ist, sofern man sich ihm ohne Sehhilfe nähert. Nur dann bleibt das Leben weiterhin schön.

„Möchten Sie auch den Montageservice dazu buchen für 138 €?“, war die Frage des Mitarbeiters.
Dieses Geld wollte ich mir angesichts der Gesamtkosten und meiner eigenen handwerkliche Fähigkeiten doch sparen. Immerhin habe ich Häuser gebaut/bewohnt, Kinder in die Welt gesetzt und Bäume gepflanzt. Da werde ich doch wohl so einen Schrank zusammenbauen können.
Ich verneinte also.
Meine computeranimierte Zusammenstellung des Kleiderschrankes wurde ausgedruckt und mir ausgehändigt (als Orientierungshilfe).

Somit war der Schrank bestellt und die Auslieferung für Samstag, den 23.12., ab 14 Uhr vereinbart.

Nachdem der Kleiderschrank geordert war, orderte ich für
Freitag, den 23.12., 9 Uhr
die Tapezierer, mit denen ich schon vorher einen Zeitrahmen abgesteckt hatte.
Flur sollte gestrichen und Schlafzimmer, neues Zuhause für den Kleiderschrank, tapeziert werden.

24.12. kommen Freunde vorbei zum Gänseessen

25.12. besuchen mich meine Söhne zusammen mit ihren Müttern und deren Gefolge (eigene Kinder und neue Männer. Einer fährt Mitsubishi (??)).

26.12. entspannen. Lange schlafen, ein bisschen klampfen, ein bisschen TV.

Somit war meine Planung abgeschlossen. Die Termine griffen reibungslos wie Zahnräder ineinander über.

Am selben Abend räumte ich Flur und Schlafzimmer leer um Platz für die anstehende Arbeiten zu schaffen, was bedeutete, dass in allen anderen Zimmer -schlussfolgernd- ein heillosen Chaos herrschte.

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Freitag, 23. Dez: Tapezierer ruft an. Kann nicht kommen. Steht auf der Autobahn. Auto kaputt.
Foto beweist die Richtigkeit seiner Behauptung. Neuer Termin: Samstag, 23.12., 7 Uhr.

TEIL 2 FOLGT IN KÜRZE. MEIN NACHBAR STEHT IN DER TÜR

Samstagmorgen, 9 Uhr (!): Tapezierer sind da.

Samstagmittag, 14.30 Uhr: Kleiderschrank wird angeliefert. Vor mir füllt den gesamten Türrahmen ein grauer Overall aus. In Augenhöhe sehe ich zwei Brusttaschen mit messingfarbenen Reißverschlüssen. Mein Blick wandert weiter aufwärts über Schulter, Hals bis zu einem sehr freundliche dreinblickendem Gesicht.
Ein Koloss von Mensch stand vor mir, stark schnaubend ob der schweren Last die r über er Schulter trug. „Ein Mensch bestehend aus nur einem einzigen Muskel“, dachte ich bewundernswert.
„Obelix“, wie ich ihn sogleich gedanklich taufte, war genau der Typ Mann, den man sich so vorstellt: Riesenkräfte und dabei so gutmütig, dass er keiner Fliege und erst recht keiner Menschenseele etwas zuleide tun konnte. Wir alle kennen solche Typen.
„Ich bringe den Kleiderschrank. Mein Kollege ist noch unten im Wagen und kommt später hoch“.
Warum sein Kollege erst zum Schluss kam -, „Obelix“ schleppte sämtliche Pakete alleine, erschloss sich mir bei seinem Anblick: „Genau wie „Asterix“, witzelte ich in Gedanken. Und natürlich mit nur einem Regalbrett unter dem Arm, von insgesamt zwanzig!

„Asterix“ und ich tauschten ganz wichtig Unterschriften aus, „Obelix“ trank eine 1 Liter Flasche Mineralwasser auf einen Zug aus (ich hätte ihm ein Eimer reichen sollen), als es an der Tür klingelte.

Samstagmittag, 15.15 Uhr: Gans kommt. Gott sei Dank nicht zu Fuß, sondern, wie bestellt, kross gebraten.

Die Tapezierer, die einen tollen Job gemacht hatten, waren im Begriff sich zu verabschieden.
„Asterix“ und „Obelix“ stehen ebenso in den Startlöchern, als in dieser Situation hinein dieser betörend intensive Gänsebratenduft jeden in seinem Tun innehalten ließ. Vier ausgewachsene Männer schweigen still und atmen langwierig tief ein, als die Gans an ihnen vorbeigetragen wird.

Das war für mich ein sehr bewegender Moment. Ich konnte förmlich spüren, wie n diesem Moment bei jedem einzelnen Weihnachten Einzug gehalten hat.
Hinter jedem der vier Männergesichtern flackert kurz ein Kindergesicht auf.
Die zwei Tapezierer, die ihre Freizeit opfern, um Geld zu verdienen und ausgerechnet jetzt so kurz vor Weihnachten einen Motorenschaden zusätzlich finanzieren müssen. Und die IKEA-Mitarbeiter, die wahrlich einen Knochenjob haben, über den Tag verteilt Tonnen an Gewicht schleppen und im Monat mit 1000, vielleicht 1100 € entlohnt werden, dafür, dass sie in einigen Jahren mit kaputten Gelenken Krüppel sind.

Während sich alle ausgiebig über diesen „leckeren“ Duft äußerten und anstalten machten, zum Tagesgeschäft überzugehen fragte ich spontan: „Männer, habt ihr 30 Minuten Zeit für ein Weihnachtsessen?“.

„Obelix“ plazierte ich in die Ecke, auf einen Stuhl ohne Armlehnen. Genau in dieser Ecke wollte ich einmal ein Seewasseraquarium einbauen lassen, was mir aber bauseitig aus Gewichtsgründen nicht erlaubt wurde. Nun sitzt dort Obelix, der das spezifische Gewicht einer ganzen Lagune aufweist. Hoffentlich geht das gut.
Und „Obelix“ bekam selbstverständlich -wie könnte es anders sein- die Keule. Beide Keulen.

Auch ich kam in den Genuss von Ente, Rotkohl und Klöße. Und die Menge völlig aus um den Geschmack testen zu können.

Für das morgige Weihnachtsessen mit Freunden reicht der tiefgefrorene Lachs locker.
Lachs und Paste mögen die ohnehin viel lieber als Gans oder Ente.

Samstagnachmittag, 16 Uhr: „It’s Showtime“, sagte ich mir. „Um 18 Uhr steht das Ding! Locker“.

00:15 Uhr: Fertig. Das Korpus ist montiert. Jetzt noch aufstellen und an die Wand schieben (Profis montieren Schränke im Liegen. Also der Schrank liegt während man selber meist in gebückter Haltung oder auf den Knien um den Schrank herum arbeitet).

Jetzt noch schnell die Regalbretter, Schubladen und Kleiderstangen einbauen und dann kann Weihnachten kommen.
Allerdings erwies sich der Einbau popeliger Regalbretter schon als schwieriger als gedacht, erst recht das Handling mit den Kleiderstangen. Und Schubladen werden bei IKEA in pulverisierter Form angeliefert. Eine Schublade besteht aus ca. 5000 Teilen zusätzlich der Schiebevorrichtung.

03:45 Uhr: Der Schrank ist fertig, bis auf die Schiebetüren. Hier bestelle ich besser den Montageservice. Kosten 138 €.

04:00 Uhr: Mit unvorstellbaren Schmerzen am ganzen Körper krieche ich ins Bett. Meine Unterarme sind durch das viele Schrauben hart wie Beton, in der Handinnenfläche bilden sich Blasen. Das Kreuz ist gebrochen.

09:00 Uhr: Der Wecker katapultiert mich aus tiefem Schlaf zurück ins Leben.
Ich schaue auf den Schrank und denke in selber Sekunde, ich muss die Hausverwaltung anrufen.
Über Nacht scheint sich das Haus zur Seite geneigt zu haben. Vermutlich steht es auf einer Blase, denn mein Schrank weist eine nicht zu übersehende Schräglage nach links auf.

FROHE WEIHNACHTEN

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